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Teilprojekt B3

Kunst-Held versus Kriegs-Held. Heroisierung durch Kunst im Kontext von Krieg und Frieden in der Frühen Neuzeit

Teilprojektleitung: Prof. Dr. Anna Schreurs-Morét; Mitarbeiterin: Dr. Christina Posselt-Kuhli
 
Projektdauer: 2012-2016 Bericht als PDF


Das Thema des ‚Kunsthelden‘ im 17. Jh. nahm seinen Ausgangspunkt in Joachim von Sandrarts Teutscher Academie. Sowohl die semantische als auch die ikonographische Ausprägung findet sich in dieser Schrift – und dies bereits mit dem Fokus auf das Wechselspiel der Inszenierung des Herrschers als Kunstförderer und Kriegsheld. Die im Kontext von Sandrart zu verortenden Diskurse der Sprachgesellschaften zu Krieg und Frieden und der Heroisierung des Herrschers in Bezug auf die Künste wurden in einem Aufsatz von der Mitarbeiterin dargestellt. Ebenso konnte die bildnishafte Form der Heroisierung im Kontext der SFB-Tagung „Imitatio heroica. Heldenangleichung im Bildnis“ und in der entsprechenden Publikation an einigen Beispielen aufgezeigt werden.

Somit wurden sowohl die Bedingungen für die Ausbildung des ‚Kunsthelden‘ sowie seine semantischen und visuellen Ausprägungen analysiert. Mit dem auf Deutschland – und nicht mehr auf den europäischen Vergleich – ausgerichteten Untersuchungsraum wurde in einer diachronen Perspektive (16.–18. Jh.) den Transfer- und Aneignungsphänomenen des Modells des Kriegshelden in Bezug zu irenischen und künstlerischen Heroisierungen nachgegangen. Dabei erwies sich die Verflechtung der Heldenbilder, die mittels Kunst und Krieg erzeugt werden, stärker als ursprünglich angenommen. Der Krieg als eine der Leitkategorien für die Definition des Heroischen stand der Kunst nicht dichotomisch gegenüber, da sie in vielfältiger Weise Anteil nahm an dieser Form der Bestimmung des Heroischen: teils kriegsunterstützend (mit der sog. ars belli), teils als Gegenmodell (gemäß dem Diktum „Nur im Frieden können die Künste blühen“) sowie in der Überführung des Krieges in kulturelle Formen (das Schauturnier, die Prunkrüstung). Die emblematische Gegenüberstellung und Harmonisierung der Prioritäten von Waffen und Kunst wird im Barock zunehmend in eine unauflösbare Interdependenz gebracht.1 Die anerkannte Wirksamkeit symbolischer – oder allgemeiner visueller – Effekte von Größe, Macht, Glanz und Stärke verleihen der Kunst in der Frühen Neuzeit zudem eine enorme Bedeutung für die rivalisierende Selbstdarstellung der Herrscherhäuser und Territorialfürsten.2 Sie diente als überkonfessionelle Sprache der Herrscherheroisierung, was anhand von Fallbeispielen aus dem Hause Habsburg (Maximilian I., Rudolf II., Leopold I., Karl VI.) und Herrschern Brandenburgs bzw. Preußens (Friedrich Wilhelm, Friedrich I./III., Friedrich II.) überprüft wurde. Die Bedeutung der Kunst wurde dabei erstmals nicht nur auf ihre Geltung als darstellende Vermittlungsinstanz der Heroisierung untersucht, sondern als argumentative Grundlage des herrscherlichen Heldentums.

Die grundlegende These zum Modell des ‚Kunsthelden‘ fasst Heroisierung durch Kunst demzufolge als rhetorische und ästhetische Vermittlung der Tugendlehre, als eine ästhetische Aushandlung von Macht sowie als Mittel der Herrschaftsstabilisierung auf. Es handelt sich also um eine Strategie der Konstruktion von Herrschaftsbildern, die – zumindest teilweise – unabhängig vom faktischen politischen oder militärischen Status eines Herrschers dessen Heldentum begründen kann. Dieses Heldenmodell vermittelt ein Wertesystem von Herrschaft, das die Kulturförderung als heroisches Habitusmuster propagiert. Der ‚Kunstheld‘ hat damit Anteil am „Topos ‚De virtute heroica‘ als ein[em] Bausatz, aus dessen Elementen unterschiedliche und in Einzelpunkten einander widersprechende Muster zusammengesetzt werden können“3. Die tendenzielle Offenheit des Heroischen im 17. Jh. und die Dominanz seines Effekts überstrahlen die heroische Tat selbst, die in Grunddispositionen (Tugend, Stärke, Magnifizenz) verlagert werden kann.4 Die heroische Struktur der überwiegenden Zahl der ‚Kunsthelden‘-Darstellungen formiert sich entsprechend nicht über eine Handlung, sondern wird durch architektonische Rahmung (etwa Triumphbogen- oder Tempelmotive), Attribute (die Keule des Herkules oder das Löwenfell) und kompositorische Verteilung der Bildfiguren (bspw. zu Füßen des fürstlichen Thrones) erreicht. Diese Repräsentationen vermitteln daher weniger eine Heldentat als vielmehr die agency (Handlungsmacht, Narrativ) des Herrscherhelden. Sein Auftritt und seine Inszenierung sind deshalb die Parameter, an denen sich seine Heroisierung und der Heroismus des Kunsthelden zeigen. Auch dynastisch vorgeprägte Heldenrollen (Herkules, Apoll) und ein zyklisches Geschichtsmodell werden eingesetzt (etwa in der Kombination von antikisierendem und zeitgenössischem Kostüm) als Dispositive idealer Herrschaft, die sich als „gutes Regiment“ und in Überwindung der (negativen) Zeit(umstände) im Aufblühen der Künste manifestieren. Die grundsätzlich idealisierende Darstellung des Herrschers und sein Status als ‚gesetzter Held‘ lassen Fragen nach der Glaubwürdigkeit und Akzeptanz aufkommen, die jedoch aufgrund mangelnden Quellenbestands (im Gegensatz etwa zu zahlreichen überlieferten Reaktionen auf Standbilder Ludwigs XIV.) nur sehr peripher durch Aneignungen, Übernahmen und Konkurrenzen anderer Herrscher zu beantworten sind. Die Langlebigkeit der Ikonographien lässt allerdings auf ein eher konsensträchtiges Heldenbild schließen, das relativ wenig Reibungsfläche bot und zudem anschlussfähig an andere Repräsentationen und Inszenierungen war bzw. mit diesen Schnittpunkte bildete (Friedensfürst).

Aus der zusammengetragenen Materialbasis ließ sich eine Gruppe von Ikonographien typisieren: Der Herrschermäzen wird als Apoll oder Herkules musagetes gezeigt, er erscheint als Mittelpunkt einer Thronszene umgeben von huldigenden Künsten, allegorischen Attributen oder Personifikationen oder er wird auf dem Tugendweg zum Parnass bzw. bereits am Ziel unter den Göttern im Olymp inszeniert. Diese Betonung der Götterähnlichkeit überragt bei Weitem die Identifikation mit Alexander, dessen Rolle der Herrscher als ‚Kunstheld‘ ebenfalls annehmen kann. Das Verhältnis der imitatio heroica – sei es durch Bildnisangleichung, durch Attribute oder semantische Epitheta sowie durch theatrale und sakrale Inszenierungsmittel – kann prospektiv, kompensatorisch oder auch ‚abbildend‘ funktionieren.

Das vielgestaltige Motiv von Arte et Marte erwies sich als zentrales Thema für die Teilprojekte B2, B3 und C2, was auch im gemeinsam ausgerichteten Workshop „Krieg, Kunst und Wissen“ (2014) manifestierte. Das Teilprojekt profitierte bereits 2013 von Vortrag und Seminargespräch mit Naïma Ghermani zum Thema „Der Fürst als Held: Rüstkammer und Porträts in Rüstung in Deutschland (um 1560 – um 1630)“. Ein Rückbezug zur Thematik von Krieg und Frieden wurde im Workshop „Sammlungen im Spannungsfeld von Gelehrsamkeit, Meraviglia und heroischer Repräsentation“ im Januar 2015 durch einen Vortrag der Projektbearbeiterin geleistet.

Die Perspektive der ‚Heldenmacher‘ wird auch in der Monographie der Mitarbeiterin verhandelt und es erschien sinnvoll, die Thematik der Kunstsammlungen mit ihrem heroischen Potenzial in einen größeren Zusammenhang zu stellen, der noch in eine weitere umfassende Arbeit der Projektbearbeiterin einfließen soll, die über die Projektlaufzeit hinausgehen wird. Hierzu waren auch die intensiven Gespräche des Gastwissenschaftlers im WiSe 2013/14, Prof. Ulrich Heinen, mit Bezug zu dessen Thema „Heroische Körper. Rubens’ Anatomiestudien als Beitrag zum heroischen Stil des internationalen Barock“ sehr fruchtbar und anregend.

Das Thema des „Kunsthelden“ fügt sich darüber hinaus auch in die kunsthistorische Perspektive der politischen Ikonographie ein, die erst kürzlich wieder als relevante Methode stark gemacht wurde.5 Ebenfalls lässt sich die Thematik des Teilprojekts in Fragen nach dem Verhältnis von Fürsten und Künstlern einordnen wie dies eine Tagung zum „Fürst und Fürstin als Künstler. Herrschaftliches Künstlertum zwischen Habitus, Norm und Neigung“ in Wolfenbüttel (2014) gezeigt hat, an der die Mitarbeiterin mit einem Abendvortrag beteiligt war.

1 Brink, C. 2000: Arte et Marte, München/Berlin.
2 Münkler, H. 1995: Die Visibilität der Macht und die Strategien der Machtvisualisierung, in: G. Göhler (Hrsg.), Macht der Öffentlichkeit – Öffentlichkeit der Macht, Baden-Baden, S. 213–230; Rabb, T. K. 1985: Artists and Warfare: A Study of Changing Values in Seventeenth-Century Europe, in: Trans-actions of the American Philosophical Society, New Series Vol. 75, No. 6, S. 79–106; Stollberg-Rilinger, B. 1997: Höfische Öffentlichkeit. Zur zeremoniellen Selbstdarstellung des brandenburgischen Hofes vor dem europäischen Publikum, in: Forschungen zur Brandenburgischen und Preußischen Geschichte N.F. 7, S. 145–176.
3 Disselkamp, M. 2002: Barockheroismus. Konzeptionen politischer Größe in Literatur und Traktatistik des 17. Jahrhunderts, Tübingen, S. 51.
4 Disselkamp, M. 2002: Barockheroismus. Konzeptionen politischer Größe in Literatur und Traktatistik des 17. Jahrhunderts, Tübingen.
5 Erben, D. / Tauber, C. 2016: Politikstile und die Sichtbarkeit des Politischen in der Frühen Neuzeit (Veröffentlichungen des Zentralinstituts für Kunstgeschichte in München 39), Passau.

 

Publikationen des Teilprojekts

  • Posselt-Kuhli, C., 2017: Kunstheld versus Kriegsheld. Heroisierung durch Kunst im Kontext von Krieg und Frieden in der Frühen Neuzeit (Helden – Heroisierungen – Heroismen 7) Würzburg.
  • Posselt-Kuhli, C. 2015: „Ars et maiestas“ – Formen der „imitatio heroica“ im barocken Herrscherbildnis, in: R. von den Hoff [et al.] (Hrsg.), Imitatio heroica. Heldenangleichung im Bildnis (Helden – Heroisierungen – Heroismen 1), Würzburg, S. 155–171.
  • Posselt-Kuhli, C. 2015: Kunst und Krieg – Semantiken der Inszenierung des „Kunsthelden“ am Beispiel des „Armamentarium heroicum“, in: helden. heroes. héros. E-Journal zu Kulturen des Heroischen 3.2, S. 45–57, DOI: 10.6094/helden.heroes.heros./2015/03/04
  • Posselt-Kuhli, C. / Schreurs-Morét, A. [et al.] 2015: Künstlerhelden? Heroisierung und mediale Inszenierung von Malern, Bildhauern und Architekten, Merzhausen.
  • Posselt-Kuhli, C. / Schreurs-Morét, A. [et al.] 2015: Der Künstler, eine Heldenfigur? – Vorbemerkungen , in: Dies. [et al.] (Hrsg.), Künstlerhelden? Heroisierung und mediale Inszenierung von Malern, Bildhauern und Architekten, Merzhausen, S. 9–18.
  • Posselt-Kuhli, C. / Willis, J. 2015: La Gloire du Val-de-Grâce ou l’artiste en héros chez Molière et Pierre Mignard, in: Papers on French Seventeenth Century Literature XLII, 83, S. 409–441.
  • Posselt-Kuhli, C. 2014: Der „Kunstheld“ im Spannungsfeld zwischen Krieg und Frieden – Ein herrscherliches Tugendexempel im Deutschland des 17. Jahrhunderts, in: helden. heroes. héros. E-Journal zu Kulturen des Heroischen 2.2, S. 17–35, DOI: 10.6094/helden.heroes.heros./2014/02/03
  • Posselt-Kuhli, C. / Willis, J. 2014: «La voilà, cette main, qui se met en chaleur» – Intermediale Heroisierungsstrategien bei Molière und Pierre Mignard am Beispiel des Gedichts „La Gloire du Val-de-Grâce“, in: helden. heroes. héros. E-Journal zu Kulturen des Heroischen. Mediale Strategien der Heroisierung 2.2, S. 49–68, DOI: 10.6094/helden.heroes.heros./2014/02/05
  • Posselt-Kuhli, C. 2014: Der „Kunstheld“: eine semantische Spurensuche in Panegyriken des 17. Jahrhunderts, in: Wolfenbütteler Renaissance-Mitteilungen 35.1, S. 41–67.
  • Posselt-Kuhli, C. [im Druck]: Minerva als weibliches Rollenmodell – Antikenrezeption als „imitatio heroica“, in: Baumann, U. / Laureys, M. / Vössing, K. (Hrsg.): Heroinnen und Heldinnen in Geschichte, Kunst und Literatur (Super alta perennis. Studien zur Wirkung der Klassischen Antike), Göttingen.
  • Schreurs-Morét, A. 2016: Vom Gerangel im Künstlerhimmel: Die „Apotheose Joachim von Sandrarts“ (Federzeichnung von 1682), in: Aurnhammer, A. / Bröckling, U. (Hrsg.), Vom Weihegefäß zur Drohne. Kulturen des Heroischen und ihre Objekte (Helden – Heroisierungen – Heroismen 4), Würzburg, S. 119–144.
  • Schreurs-Morét, A. [et al.] 2015: „Imitatio heroica“ – Zur Reichweite eines kulturellen Phänomens, in: Dies. [et al.] (Hrsg.), Imitatio heroica. Heldenangleichung im Bildnis, Würzburg, S. 9–34.

 

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