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Teilprojekt A1

Das Außeralltägliche als Faszinosum und Provokation. Komparative historische Semantik des Heroischen zwischen 1780 und 1850

Teilprojektleitung: Prof. Dr. Jörn Leonhard; Mitarbeiter: Faustin Vierrath (Juli 2013 – Dezember 2013), Maximilian Höhn (seit Januar 2014)
 
Projektdauer: 2012-2016Bericht als PDF


Ausgangspunkt des Teilprojekts war es, den diachronen Wandel und die synchrone Vielfalt des Heldenbegriffs in Frankreich und Deutschland im Zeitraum von 1750 bis 1825 zu untersuchen. Der Begriff wurde sowohl als Indikator als auch als Faktor gesellschaftlicher Gegebenheiten und ihres Wandels betrachtet. Im Fokus des Projekts standen Deutungskämpfe und die Instrumentalisierung des Wortfeldes, weshalb es vor allem um den politischen Heldendiskurs ging.

Die historische Semantik lässt den Heldenbegriff nicht als politisch-sozialen Bewegungsbegriff erscheinen, der die Trennung zwischen älteren und neueren Semantiken zulässt, sondern als „Traditionsbegriff“1, was jederzeit den Rückgriff auf ältere Konzepte ermöglicht. Gleichwohl verändert sich der Heldendiskurs im Untersuchungszeitraum: So wird der Begriff humanisiert, verbürgerlicht, demokratisiert, nationalisiert und pluralisiert – eine Tendenz, die in beiden Vergleichsländern zu beobachten ist, wobei in Frankreich Verbürgerlichung, Demokratisierung und Nationalisierung erkennbar früher eintreten. Wurde der Held vor 1750 in der Regel als aristokratischer Krieger definiert, unnahbar-divinisiert und meist universal anerkannt, so kann um 1820 auch ein einfacher Bürger zum Helden werden; darf er Schwäche zeigen, kann er verschiedener Profession sein, ist sein Gültigkeitsbereich jedoch eher auf die eigene Nation beschränkt. Die Heldentugenden werden folglich immer näher am Bürgertum entwickelt, das heißt Nützlichkeitsideal, Leistungsethos und Konformität drängen Exaltiertheit, Standesgebundenheit und Transgression tendenziell in den Hintergrund.

Eine weitere Besonderheit der historischen Semantik des Wortfeldes, zumindest bis 1815, ist der ausgeprägte Öffentlichkeitscharakter des Heldentums; privates Heldentum kommt zwar auch vor, spielt aber erst im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts (wieder) eine größere Rolle. Folge des öffentlichen und normkonformen Helden ist die geringe Transgression, wenn man von Ausnahmen wie Napoleon einmal absieht; der normale Held dieser Zeit überschreitet die gesellschaftlichen Regeln eher nicht. Das steht im Gegensatz zu den Helden der vorangehenden und nachfolgenden Epochen.

Der Untersuchungszeitraum lässt sich aufgrund der Ergebnisse in fünf Phasen differenzieren, in denen jeweils bestimmte Trends und Merkmale typisch sind. Die Einteilung orientierte sich an den politischen Umbrüchen. Das ist v.a. auch der komparativen Untersuchung und dem Blick auf französisch-deutsche Konvergenzen und Divergenzen geschuldet.

Erste Phase zwischen 1750 und 1774: Der allmähliche Aufstieg bürgerlicher Moralvorstellungen (Verdienst statt Geburtsvorrecht) hatte ein Umdenken im Blick auf den legitimen Heldenanspruch in Gang gesetzt und die sich etablierenden Ideen der Aufklärung die bis dahin für Heldentum wesentliche Kriegstugend tendenziell abgewertet. Ein Resultat war die Propagierung eines Alternativmodells gewesen, das den herkömmlichen Helden abzulösen drohte: der grand homme2 . Dieses Modell ersetzte jedoch nur im Ausnahmefall den Helden. Vielmehr wurde es vom Heldenbegriff absorbiert, wofür prominent die Definition in der Encyclopédie 1765 steht, die weitreichend rezipiert wurde und somit für die zeitgenössische Semantik Maßstäbe setzte.

Wenn auch die wichtigen Impulse für diese Diskussion von Frankreich ausgingen, so fanden sie doch rasch Eingang in den deutschen Heldendiskurs. Die Semantik des Kriegshelden bestand zwar fort, aber Kultiviertheit und zivile Leistung wurden nun wichtiger. Der Siebenjährige Krieg kann hierfür als Schwelle verstanden werden: Die Helden dieses Krieges sind stets bzw. überwiegend kultiviert gezeichnet. Dieser Krieg bewirkte außerdem eine patriotische Aufladung des Heldenbegriffs, was die spätere Nationalisierung der Heldensemantik begünstigte, im Gegensatz dazu aber die Verehrung ausländischer Helden noch miteinschloss. Indem der Patriotismus als Bedeutungsreservoir an Bedeutung gewann, konnte man in den Definitionen des Helden leichter vom gesellschaftlichen Stand absehen und auch die Heroisierung einfacher Bürger zulassen. In Deutschland entstand im Zuge dieser Entwicklung ein deutlicher Akzent auf die germanische Sagenwelt, was den allgemeinen Antikebezug allerdings niemals ablöste und von den bedeutendsten Autoren der Zeit eher ablehnend beurteilt wurde. Im Unterschied zu Frankreich, wo der König als Heldenfigur wegen fehlender Erfolge an Attraktivität einbüßte und sein Lob oftmals zur Formsache erstarrte, konnte sich das monarchische Heldenkonzept in Deutschland jedoch länger halten, besonders mit Blick auf den aufgeklärt-reformbereiten Absolutismus und die Sonderstellung Friedrichs II., seine Rolle als emotionalisierter Kriegsheld und roi connétable.

Zweite Phase zwischen 1775 und 1788: Am Beginn dieser Phase steht die Amerikanische Revolution als bedeutende Zäsur. Zeitgenossen schätzten das amerikanische Volk als Heldenvolk ein, dessen ständefreie Bürgergesellschaft nicht allein der Französischen Revolution den Boden bereitete, sondern auch die Semantik des Heldenbegriffs maßgeblich inspirierte. In dieser Zeit verstärkte sich die Pazifizierung und Zivilisierung des Heldenbegriffs. Heldentum wurde nun wesentlich durch Leistung definiert. Selbst äußerlich typische und konventionelle Heldenfiguren wie adlige Krieger mussten ihr Heldentum und damit auch den Vorrang des Adels nun durch besondere Taten außerhalb der Sphäre von Krieg und Militär begründen. Das Heldentum einfacher Leute sowie Alltagsheldentum spielte erstmals eine größere Rolle. Zur beispielhaften Heldenfigur dieser Epoche wurde der Lebensretter. Am Rande wurde nun auch die Möglichkeit weiblichen Heldentums erwogen und debattiert, wobei diese Debatte in Frankreich deutlich ausgeprägter war als im Nachbarland. Grund hierfür dürfte die Präzedenz der Nationalheldin Jeanne d’Arc sein, die neben der von Frauen maßgeblich geprägten Hof- und Salonkultur auf deutscher Seite keine Entsprechung hatte. Hier weigerten sich etliche Autoren, eine heroisierte Frau auch als Heldin zu bezeichnen.

Dritte Phase zwischen 1789 und 1799: Die Französische Revolution beschleunigte die beschriebene Entwicklung gewaltig, war aber zunächst weniger Ursache ganz neuer Heldensemantiken als vielmehr Katalysator für Prozesse, die früher eingesetzt hatten. In Frankreich ‚erfanden‘ die Revolutionsregimes schließlich das allgemeine Volksheldentum, das Standesvorrecht entfiel. Gleichwohl ragte der König als formaler erster Held aus diesem Kollektiv heraus. Mit dem Zug der Frauen von Versailles und der patriotischen Agitation von Olympe de Gouges stieg die Bedeutung weiblichen Heldentums in Frankreich rasant an. Die Absetzung und Hinrichtung des Königs führte zu einer Neudefinition des Helden als patriotischem Republikaner durch den revolutionären Staat, der v.a. während der Schreckensherrschaft den Heldendiskurs weitgehend monopolisierte und zu pädagogischen Zwecken instrumentalisierte. Mit dem Recueil von Bourdon 1793 wurde deshalb eigens eine Heldensammlung ausgegeben, die allgemeines Heldentum von jedem verlangte, ausdrücklich auch von Frauen. Diese staatliche Anerkennung markierte den Gipfelpunkt der Zuschreibung weiblichen Heldentums. Diese Heldenpädagogik diente besonders der notwendigen Massenrekrutierung, um den revolutionären Staat nach außen zu verteidigen. Im Zuge des Krieges setzte auch eine Remilitarisierung des Begriffs ein.

In Deutschland rekurrierten viele Autoren auf eigene deutsche Heldenfiguren der nahen und fernen Vergangenheit, etwa auf den Großen Kurfürsten. Beispiel für diese dialektische Aneignung des französischen Vorbildes ist Hofmanns Pantheon der Deutschen 1794; in Meißners Spartakus von 1793 zeigt sich hingegen die demokratische Tendenz des Heldendiskurses. Die Heroisierung Charlotte Cordays, welche die revolutionäre Identifikationsfigur Marat getötet hatte, regte auf deutscher Seite die vormals vernachlässigte Debatte um Heldinnen an. Die Hochkonjunktur weiblichen Heldentums griff also tendenziell auch auf Deutschland über.

Doch bereits auf diesem Höhepunkt setzte ein gegenläufiger Prozess ein. In Frankreich wurden die politischen Frauenvereine verboten und unter dem Direktorium begann eine Rekonventionalisierung des Heldenbegriffs, die auch Napoleon später vorantrieb. 1795, als die Revolutionstruppen von der Verteidigung des Vaterlandes auf die Expansion übergingen und die Niederlande überrollten, wurde dann der Erobererheld rehabilitiert.

Vierte Phase von 1800 bis 1814: Ein solcher Eroberer und republikanischer Kriegsheld war exemplarisch Napoleon. In der Semantik kehrte nun die dominierende Einzelfigur wieder. Dabei rekurrierte er auf verschiedene Konzepte und versuchte, diverse Heldenrollen in sich zu vereinen, was mitunter zur Zerreißprobe wurde: Bonaparte/Napoleon war Feldherr, Revolutionär und grand homme in Einem. Er ist somit das Paradebeispiel für die Pluralisierung des Heldenbegriffs. In Deutschland wurde der Begriff tendenziell stärker demokratisiert, als dies in der vorigen Phase der Fall gewesen war; die Kriege ab 1792 fungierten hierfür als Motor, und zwar mehr als im Nachbarland, wo durch die sozio-politische Umwälzung neben militärischem Ruhm auch ziviles Engagement ein probates Mittel zu Aufstieg und Anerkennung war. Ein wichtiger Beleg mit breiter Resonanz für die deutsche Entwicklung der Heldensemantik ist der Aufruf Friedrich Wilhelms III. An die Preußen 1813, worin er allen Soldaten Heldentum in Aussicht stellte, was eine ähnliche Präzedenz wie Bourdons Recueil zwanzig Jahre zuvor darstellt. Die Nationalisierung des Begriffs wurde unterdessen in allen Vergleichsfällen stärker. In Deutschland wurde sie durch die französische Besatzung und die zum „Befreiungskrieg“ stilisierten Konflikte maßgeblich katalysiert. Damit verband sich die Abkehr vom Universalismus bzw. Kosmopolitismus des Helden.

Fünfte Phase von 1815 bis 1825: Die Restaurationszeit ist von der Ausdifferenzierung des Begriffs gekennzeichnet. Zudem kommt es zu einer nochmaligen Verbürgerlichung. Es herrscht nun kein Konsens mehr über den Heldenbegriff, und verschiedene Semantiken (monarchisch-fürstlich, aufgeklärt-bürgerlich, revolutionär) stehen nebeneinander. Unter neuer Verbürgerlichung ist zu verstehen, dass die bürgerlichen Tugenden immer mehr den Heldenbegriff bestimmten; nach der transgressiven Figur Napoleon wird nun aber stärker der normkonforme Held prägend. Das Alltags- und private Heldentum gewinnt an Bedeutung, weil die patriotische Aufladung des Begriffs infolge des Friedens zurücktritt. Heldinnen werden thematisiert, doch handelte es sich hierbei zumeist um passives Heldentum mit geschlechtsspezifischen Tugenden, die der politischen Sphäre entzogen blieben. Zugleich wurde die Nationalisierung des Begriffs weiter vorangetrieben. Sartoris Pantheon denkwürdiger Wunderthaten volksthümlicher Heroen und furchtbarer Empörer des österreichischen Gesamt-Reiches von 1816 ist Beispiel für den Versuch, eine Heldensammlung zu erstellen, um die eigene Nationsbildung durch ein gemeinschaftsstiftendes Narrativ voranzubringen.
 

1 Koselleck, R. 1978: Begriffsgeschichte und Sozialgeschichte, in: ders. (Hrsg.), Historische Semantik und Begriffsgeschichte, Stuttgart, S. 27.
2 Bonnet, J. 1998: Naissance du Panthéon: essai sur le culte des grands hommes, Paris.

 

Publikationen des Teilprojekts

  • Höhn, M. 2015: Le geste héroïque à la portée de tous? Über die historische Semantik des Heldenbegriffs in Frankreich, 1750–1800, in: helden. heroes. héros. E-Journal zu Kulturen des Heroischen 3.2, S. 31–43, DOI: 10.6094/helden.heroes.heros./2015/03/03.
  • Leonhard, J. 2014: Der Skandal im Zeitalter der Revolutionen: Frankreich 1814–1848, in: A. Gelz / D. Hüser / S. Ruß-Sattar (Hrsg.), Skandale zwischen Moderne und Postmoderne. Interdisziplinäre Perspektiven auf Formen gesellschaftlicher Transgression, Berlin, S. 57–78.

 

Anmeldung
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