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"Helden - Heroisierungen - Heroismen. Transformationen und Konjunkturen von der Antike bis zur Moderne" Sonderforschungsbereich 948

Forschungsprogramm


Das Ziel des Sonderforschungsbereichs ist die Untersuchung des Heroischen von der Antike bis zur Gegenwart in einer raum- und epochenübergreifenden, transdisziplinären Perspektive. Sein Interesse gilt der Frage, warum und in welcher Weise Gemeinschaften immer wieder Held(inn)en zum gestalthaften Fokus ihrer Selbstverständigung machen. Helden und Heldinnen prägen das kulturelle Orientierungswissen nicht nur europäischer Kulturen seit der Antike. Im Widerspruch zur Vorstellung von einem „postheroischen Zeitalter“ lässt sich derzeit eine neue Konjunktur und Diskussion des Heroischen beobachten, in der fortlebende Traditionen und heterogene Vorstellungen neben Skepsis und Tabuisierung stehen.

Die Erfahrung von asymmetrischen Kriegen, in denen religiöse Begründungen, Terrorismus und mediale Omnipräsenz neuartige Kombinationen eingehen, hat zu einer intensiven Diskussion um neue Held(inn)en geführt, die sich Bedrohungen entschieden entgegenstellen und bereit sind, ihr Leben aufs Spiel zu setzen. Die zeitgenössische Konjunktur des Heroischen zeigt sich nicht zuletzt in der Alltags- und Populärkultur. Mit der inflationären Verwendung des Begriffs ›Held‹ bzw. ›Heldin‹ auch in der Werbung geht dabei oft eine Banalisierung heroischer Modelle einher. Die Popularität von Superhelden-Figuren in Filmen, Comics und Computerspielen ist enorm, wobei die Figuren fortwährend an gewandelte gesellschaftliche Rollenmodelle angepasst werden.

Der SFB 948 greift in seinen Forschungen solche aktuellen Debatten und Phänomene auf. Sein besonderes Interesse gilt dabei dem Spannungsverhältnis zwischen der Exzeptionalität von Heldenfiguren und den sozialen Ordnungen, die durch sie stabilisiert, aber auch in Frage gestellt werden. Es gibt keine überzeitlichen Held(inn)en. Heroische Figuren müssen vielmehr als zeit- und gesellschaftsspezifische kulturelle Konstrukte verstanden werden. Zugleich erfordern Heroisierungsprozesse eine theoretische und inhaltliche Durchdringung auf der Grundlage historischer und transdisziplinärer Untersuchungen. Vor diesem Hintergrund stellt der SFB heroische Figuren als Elemente von Heroisierungsprozessen und Heroismen seit der griechischen Antike in ihren sozialen, politischen, kulturellen und medialen Kontexten ins Zentrum. Dabei stützt sich die Analyse des Heroischen auf Fallstudien zu sozialen, kulturellen, politischen und medialen Prägungen des Phänomens.

Das Vorhaben soll über einen Zeitraum von zwölf Jahren in einem transdisziplinären Zugriff der Frage nachgehen, wann und auf welche Weise Held(inn)en als gestalthafter Fokus der Selbstverständigung von Gemeinschaften dienen. Weshalb geschieht dies in so beständiger Form als Phänomen der longue durée, und weshalb trotz ihrer Widersprüchlichkeit und Außeralltäglichkeit? Es ist eine theoretische Durchdringung des Heroischen zu leisten, die nicht auf essentialistischen Nominaldefinitionen beruht, sondern Analysen und Erklärungen für kulturelle, historische, soziale und mediale Prägungen des Phänomens in den Vordergrund stellt. Folglich richtet sich die Untersuchung zum einen auf die Prozesse der Heroisierung und Deheroisierung, d. h. der Zuschreibung oder Aberkennung heroischer Qualitäten. Zum anderen gilt sie Heroismen, die als heroisch konnotierte Habitusmuster verstanden werden, in denen sich Gemeinschaften heroische Modelle aneignen.

Die Forschungen der ersten Förderphase (2012 - 2016), die sich auf Europa und europäisch geprägte Räume von der Antike bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts konzentrierten, haben gezeigt, dass Gesellschaften in Heroisierungen und Heroismen Konflikte austragen und Grenzen verhandeln. Held(inn)en erzwingen affekthafte Reaktionen. So bringen sie oftmals nicht steuerbare, kontroverse Wirkungen hervor. Auch deshalb lassen sich Umbrüche und Konjunkturen des Heroischen nicht als lineare Entwicklungen beschreiben. In der zweiten Förderphase (bis 2020) wird der Blick auf das 20. und 21. Jahrhundert ausgeweitet; mit Asien und dem Nahen und Mittleren Osten werden auch bislang nicht beachtete Räume berücksichtigt, die eine stärker globale Perspektive einbringen. In der Konsequenz dieser Ausweitungen und der bisherigen Ergebnisse konzentriert sich das Forschungsprogramm nun im theoretischen Zugriff auf die Analyse von Heroisierungsprozessen als kulturelles ›Grenzgeschehen‹, die Untersuchung der Attraktionskraft und der affizierenden Wirkung des Heroischen und die Frage nach Überlagerungen von ›Zeitschichten‹ als Erweiterung der historischen Perspektive auf Transformationen und Konjunkturen von Heroisierungen und Heroismen. Untersucht werden thematisch vor allem Herausforderungen, denen das Heroische in seinen jeweiligen Gegenwarten ausgesetzt ist, Verbindungen zwischen dem Heroischen und Gewalt und die Rolle des Heroischen in transkulturellen Konstellationen.

In seiner transdisziplinären Ausrichtung vereint der SFB in seiner zweiten Förderphase weiterhin Geschichts-, Literatur- und Bildwissenschaften sowie die Soziologie und nun auch die Theologie in 15 Teilprojekten sowie ein vor allem auf die Erarbeitung grundsätzlicher Synthesen zielendes Handbuchprojekt und ein integriertes Graduiertenkolleg.
 

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"Das Heroische. — Das Heroische besteht darin, dass man Großes tut (oder etwas in großer Weise nicht tut), ohne sich im Wettkampfe mit anderen, vor anderen zu fühlen. Der Heros trägt die Einöde und den heiligen unbetretbaren Grenzbezirk immer mit sich, wohin er auch gehe."
Friedrich Nietzsche (Menschliches, Allzumenschliches II, Aphorismus 337)