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Gero Schreier


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Hebelstraße 25 - Raum 00004
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Dissertationsprojekt:
Heroismus in adligen Lebenszeugnissen des späten Mittelalters

Zwischen dem späten 14. Jahrhundert und der beginnenden Frühneuzeit im 16. Jahrhundert erscheinen in den geschichtlichen Zeugnissen in auffälliger Häufung Ritterhelden, seien es gefeierte Turnierkämpfer, Feldherren, Schlachttote oder Protagonisten „ritterlicher Biographien“ (E. Gaucher). Es handelt sich bei diesen Gestalten nicht einfach um ideale Ritter, denn ihre Lebenswege (bzw. deren Gestaltung in den Quellen) weisen oftmals Übersteigerungen, Wendungen und Brüche auf, die die historischen Wandlungsprozesse des späten Mittelalters reflektieren, mitunter auch der adligen Idealität, wie man sie aus den höfischen Romanen des Hochmittelalters kennt, offenkundig widersprechen.

Das späte Mittelalter gilt als eine Zeit verstärkten Wandels, der sich auf alle größeren Bereiche erstreckte. Sich verdichtende Fürstenmacht, Veränderungen in Politik, Diplomatie und Kriegswesen, Umschichtungsprozesse in den Wirtschafts- und Einkommensverhältnissen, neue soziale und politische Akteure: Für den Adel in ganz Europa machten diese Phänomene Adaption nötig, vor allem aber für die Angehörigen der unteren Hälfte der Adelsgesellschaft. Gerade für sie konnten jene Verschiebungen sich bis hin zur Gefährdung des sozialen Status auswirken. Die ritterlich-höfische Kultur gab in dieser Situation einen Ansatzpunkt für eine erneute Standortbestimmung und -vergewisserung. Die Leitbilder adliger Existenz, die sie bereitstellte, konnten einerseits den Adel gegenüber konkurrierenden sozialen Gruppen legitimieren, erlaubten andererseits aber auch affirmative Gestaltungen des adligen Imaginären, durch die adlige Identität inmitten des Wandels anschaulich eingefangen und festgeschrieben werden konnte.

Das Projekt möchte das verstärkte Erscheinen von Ritterhelden im späten Mittelalter vor diesem Hintergrund beleuchten. Es sieht im Kern des ritterlich-höfischen Wertekanons das Konzept des Heroischen; das bedeutet zunächst: individuelle Auszeichnung in agonalen Kontexten, das Übertreffen der Mitbewerber durch ritterliche Taten. In diesem Zeichen inszenierte sich der Adel selbst, stiftete eine gemeinschaftliche Kultur und Tradition, indem er sich auf heroische Vorbilder und Taten verständigte und ihnen nacheiferte. Ritterliches Heldentum ist in diesem Sinne eine paradigmatische Ausformung der ritterlich-höfischen Kultur und ermöglicht es, deren Möglichkeiten für die soziale Sinnstiftung des Adels in wandlungsreicher Zeit exemplarisch auszuleuchten.

Durch die Einbeziehung räumlicher und zeitlicher Schwellensituationen kann sich Wandelndes und Gleichbleibendes, können Potentiale und ihre je unterschiedliche Aktivierung besonders deutlich herausgearbeitet werden. So erstreckt sich der Untersuchungszeitraum vom späten 14. bis in die beginnende frühe Neuzeit im 16. Jahrhundert hinein, während in räumlicher Hinsicht für das Projekt zwei zusammenhängende Räume zentral sind: der franko-burgundische als ‚Kernregion‘ des Rittertums, und das deutsche Reich, in dem sich Rezeption westlicher Vorgaben mit eigenen Traditionen verbanden.

Als Ausgangsbasis für diese Untersuchung dienen historiographische und historiographisch-literarische Quellen (Biographik, Selbstzeugnisse, Familienüberlieferung, Chronistik), die auf Modellierungen bestimmter Ritterhelden hin untersucht werden. Im Fokus stehen die Konstruktionsprozesse von Ritterhelden, ihre Resonanz, ihre Inszenierungen und Inanspruchnahmen durch verschiedene Gruppen und in verschiedenen Kontexten. Damit sind aber ausdrücklich nicht nur Konstruktionen in Texten, sondern auch Modellierungen durch Praktiken wie Turnier, Schaukampf, Sepulkralkultur usw. gemeint.

Jene Helden-Modellierungen erscheinen in dieser Perspektive als Kristallisationspunkte in der Selbstvergewisserung adliger Gruppen, Heldenverehrung und Heldennachahmung als zentrale Momente adliger Gruppenkultur im späten Mittelalter.

 

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