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Teilprojekt B2

Held – Natur – Wissen: Der Wissenschaftlerheros im Kontext der ‚Neuen Wissenschaften‘ des langen 17. Jahrhunderts


Teilprojektleitung: Prof. Dr. Ronald G. Asch; Mitarbeiterin: Monika Mommertz
 
Projektdauer: 2012-2016Bericht als PDF


Das Teilprojekt untersuchte die Konstruktion eines weder in der Wissenschaftsgeschichte noch in der Forschung zu Helden und Heroisierungen in seiner philosophischen Tiefendimension und sozio-kulturellen Relevanz aufgearbeiteten Modells des heroischen Wissenden zu erarbeiten. Es fragt nach den Charakteristika dieses Typus während des langen 17. Jahrhunderts und untersucht dessen Funktionalisierungen und Funktionen in der Gelehrtenkultur und im höfischen Kontext mit einem Schwerpunkt in der Entstehungsgeschichte der „neuen Wissenschaften von der Natur“. Bis ins 18. Jhd. sahen sich auch Protagonisten der „neuen Wissenschaften“ nicht etwa als heroisch im Sinne der Überschreitung von Grenzen des bisher Bekannten durch individuelle bzw. innovative Leistung, sondern als von Gott bzw. vom fatum dazu bestimmt, verloren gegangene, in der Natur immer schon verborgene, universale Wahrheiten wiederaufzufinden. Diese zeitspezifischen heroisierenden Selbst- und Fremdwahrnehmungen von „herrschaftsnahen“ männlichen Gelehrten wie auch von Frauen/Nicht-Gelehrten bzw. Nicht-Europäern gingen in das sich wandelnde Verständnis grundlegender Konzepte und Praktiken gelehrter Wissensproduktion, Naturphilosophie und -forschung ein.

Wie die von Monika Mommertz erarbeitete Monographie zeigt, umfasste das im langen 17. Jh. verankerte Modell des heroischen Wissenden Merkmale wie charismatische/vorbildhafte Wissensbegabung, Auserwähltheit durch ein göttliches oder gottähnliches Wesen, ingenium als Fähigkeit zu höherem, universal gültigem und gesichertem Wissen (scientia), eine zeichenhaft auf Wissensbegabungen verweisende Lebensgeschichte, Physiognomie und psychophysische Konstitution (Melancholie). Aus der „Natur“ dieses Heldenmodells leiteten sich gesellschaftliche Verpflichtungen zu moralisch-didaktischem Handeln, u.U. zu politischer Einflussnahme auch gegenüber Widerständen sowie z.T. supranaturale, prognostische oder divinatorische Fähigkeiten ab. „Herrschaftsnahe Gelehrte“ im Zusammenhang höfischer Kulturen der Untersuchungsperiode konstruierten die eigene Heroisierung zwar komplementär, aber auch bezogen auf das Modell physischen Heldentums des Adels.1

Nach wie vor liegt keine Studie vor, die sich übergreifend und/oder in europäischer Perspektive mit der Heroisierung von Gelehrten und (Natur-)Philosophen des 17. Jhs, der frühen Neuzeit bzw. mit deren longue durée seit der Antike befasst. Auch heute noch stellt das selbst heroisierende Stereotyp des Naturwissenschaftlers als Ausnahmefigur, die mit der Tradition radikal bricht und dadurch ‚moderne Rationalität‘ hervorbringt, tendenziell ein Forschungshindernis dar. Anknüpfen lässt sich allerdings bei Studien, die mit der Thematik verwandte Probleme verhandeln: So die Rezeptionsgeschichte des ‚Genies‘ im 18. Jh.2 ; die (Selbst-)Darstellung von Astronomen in verschiedenen Medien3; Strategien der Selbstpromotion bei Hof und in Patronage-Beziehungen4; zeitübergreifend zur Selbstwahrnehmung von Wissenschaftlern5 oder zur Geschichte des Genie-Begriffs6.

Vor dem Hintergrund dieser Forschungssituation und methodisch im Rahmen einer geschlechter- bzw. differenzgeschichtlich akzentuierten social and cultural history of science belegt die Monographie, dass Heroisierungen, anders als bisher angenommen, in der gesamten europäischen res publica litteraria und nicht nur gegenüber herausragenden Persönlichkeiten relevant wurden. Heroismen des Wissens waren habituell, wechselseitig und ubiquitär in Gebrauch. Funktionalisierungen dieses Modells in der Wissens- und Wissenschaftskultur des 17. Jhs. vollziehen sich mit Hilfe eines weiten Spektrums (multi- und trans-)medialer Heroismen, die am Beispiel Newtons und der Mathematikerin Émilie du Châtelet ein Aufsatz7 bzw. die Monographie exemplarisch an den untersuchten Wissenschaftlerpersönlichkeiten Brahe, Galileo, Bacon und Newton aufzeigt. Aufgrund der starken Andro- und Eurozentrik bzw. selbst heroisierender Tendenzen der modernen Historiographie zu diesen ‚Geisteshelden‘ wurden nicht-traditionelle Mitglieder der wissenschaftlichen Welt8 miteinbezogen, wie exemplarisch die Naturphilosophin Margaret Duchess of Cavendish, die genannte Châtelet sowie der schwarze jamaikanische Wissenschaftler Francis Williams, deren Versuche der Selbst- und Fremdheroisierung belegen, wie und in welchen medialen Modellierungen das zunächst stark exklusive Modell des heroischen Wissenden zunehmend im Hinblick auf Geschlecht und Ethnie offener als noch im 16. Jh. gedeutet werden konnte. U.a. diese verstärkt partizipatorische Tendenz kennzeichnete die Transformationen dieses Heldenmodells gegenüber dem Ende des 16. Jhs.9: Seit der zweiten Hälfte des 17. Jhs. wurden Figuren heroischen Wissens überdies unter Beibehaltung auratisch-divinisierender Momente aus ihrer konfessionellen Prägung gelöst. Begriffe wie ‚Genie‘, ‚grand homme‘, ‚virtuoso‘, ‚excellent man‘ flankierten das Modell bis ins 21. Jh.

Im Verlauf des 17. Jhs. beeinflusste das Modell des heroischen Wissenden Rekonzeptionalisierungen älterer Konzepte wie inventio, ratio, observatio oder scientia, aber auch neue Konzepte, Werte, Institutionen, Räume und Praktiken des Wissens (Beispiele: ‚Wissensdrang‘, Akademien, Experimente). Auch Vorstellungen von Natur bzw. Naturgesetz und deren göttliche Aussetzung im Supranaturalen wurden im Bedeutungsfeld des Heroischen umgedeutet. Von den „neuen“ Naturforscher(inne)n bis hin zu Newton wurde es adaptiert, um sich als göttlich beauftragte Wissensträger(innen) zu stilisieren. Das Modell des heroischen Wissenden des 17. Jhs. erweist sich mithin als Schlüsseltypus einer in ihrer Komplexität häufig nur unzureichend erfassten Übergangsperiode in der Entwicklung hin zu modernen säkularisierten, ‚rationalisierten‘ und sozial verallgemeinerbaren Formen der Heroisierung nicht nur in Wissen und Wissenschaft, sondern auch der Heldenverehrung insgesamt: Prozesse, die man gemeinhin eher dem Themenfeld Verzauberung (enchantment) zurechnet, beeinflussten tatsächlich ‚Rationalisierung‘ und ‚Verwissenschaftlichung‘.10

Neue Forschungsergebnisse erforderten neue Forschungsstrategien: Anders als angenommen, wurden nicht nur wenige herausragende Wissenschaftler heroisiert; auch stellten Formen und Medien der Heroisierung und Heroismen im 17. Jh. keine Besonderheit der „neuen (Natur-)Wissenschaften“ dar. Sie waren vielmehr Teil der Gelehrten- bzw. höfischen Kulturen insgesamt, die sich stark an antiken und mittelalterlich-christlichen, bereits in Humanismus und res publica litteraria aufgegriffenen Mustern orientierte. Ins Forschungskonzept zu integrieren war überdies das unerwartete Ausmaß der Teilhabe von Frauen/Nicht-Gelehrten bzw. Nicht-Europäern am Prozess der Heroisierung. Die Untersuchung wurde deshalb (1) stärker auf die wesentlichen Elemente der Konstruktion des heroischen Wissenden in der auch für den SFB insgesamt wichtigen longue durée gelehrter Wissenskulturen seit der Antike ausgerichtet. Außerdem galt (2) die Aufmerksamkeit verstärkt den wiederholbaren und wiedererkennbaren Mustern gelehrter Heroisierung. Mithilfe des tracer-Konzepts, das die Bearbeiterin des Projekts entwickelt hat11 wurde (3) die ausgeprägte Präsenz von nicht-traditionellen Gelehrten mit den ebenfalls überraschend häufig zu beobachtenden Markierungen von Heroisierungen durch zeitgenössische Differenzkategorien (v.a. Geschlecht, Hautfarbe, Stand, Religion) verknüpft und so die Periodisierungsfrage problematisiert.12

Das Projekt erschließt für den SFB einen in seiner Wirkung auch auf andere Heldenkonzepte des lateinisch-christlich geprägten Europa noch weitgehend unerforschten, dabei bis heute fortwirkenden Traditionsstrang der gelehrt-(natur)philosophischen Reflexion und Theoretisierung des Heroischen und bietet daher eine neue Perspektive zu Fragen nach der longue durée sowie der Verallgemeinerbarkeit europäischer Heldenmodelle.13

Wichtige Anregungen dazu gaben gemeinsame Workshops mit Teilprojekt B7 zur narrativen Konstruktion des Wissenschaftlerhelden sowie mit den Teilprojekten B3 und C3 zur Bedeutung der höfisch-adligen (Wissens-)Kultur sowie zu Fragen der Medialität unter Beteiligung der Teilprojekte A4, A5 und C3. Für die internationale Konferenz „Tracing the Heroic through Gender“ griff die VAG 1 „Heroisierung und Gender“ auf das von M. Mommertz für das Teilprojekt B2 bzw. die Forschung zu Helden und Heroisierungen adaptierte Konzept von Geschlecht als tracer zurück.

Der im Teilprojekt B2 entwickelte Ansatz, Gelehrte bzw. Naturphilosophen als ‚Heldenmacher‘ zu konzipieren, modifiziert die für den SFB zentrale Kategorie des Publikums und wurde auch in anderen Teilprojekten aufgegriffen; Pionierarbeit wurde auch bezüglich der Erziehung des Helden durch Gelehrte geleistet.

Das Teilprojekt B2 profitierte besonders von Ergebnissen der Teilprojekte A3 zur religiösen Dimension des heroischen Wissenden sowie von der mit anderen Projektmitarbeiter(inne)n ins Leben gerufenen GRAFO-Arbeitsgruppe zum 17. Jh.: Umgekehrt wurde hier die philosophisch-gelehrte Dimension des Heroischen als konstanter Bezugsrahmen frühneuzeitlicher Dichter, Künstler und Adliger bewusst gemacht. Für Fragen der ‚Herrschaftsnähe‘ zu Hof und Adel war die Zusammenarbeit mit Teilprojekt C2 fruchtbar.
Wie schon eingangs betont liegt bislang keine Studie vor, die sich übergreifend mit der Heroisierung von Gelehrten und (Natur-)Philosophen des 17. Jhs, befasst. Bezugnehmen lässt sich auf das Forschungsfeld zur scientific persona14. Für die weitere Antikerezeption ist z.B. Faroults Studie15 anschlussfähig und für gender und race ist u.a. Long16 zu nennen. Insgesamt fehlt aber ein Bewusstsein für den Umfang, die Breite bzw. die Spezifik der Bezugnahmen von Gelehrten und Philosoph(inn)en des 17. Jhs. auf Heroismen und Heroisierungen.17

1 Mommertz, M. 2012: Wissen vom Zweikampf. Transdisziplinäre und transepochale Überlegungen, in: U. Ludwig / B. Krug-Richter / G. Schwerhoff (Hrsg.), Das Duell. Ehrenkämpfe vom Mittelalter bis zur Moderne (Konflikte und Kultur - Historische Perspektiven 23), Konstanz, S. 77–92.
2 Fara, P. 2002: Newton. The Making of a Genius, London; Schaffer, S. 2015: Fontanelle's Newton and the Uses of Genius, in: L’Esprit-Créateur, 55.2, S. 48–61.
3 Remmert, V. 2005: Widmung, Welterklärung und Wissenschaftslegitimierung. Titelbilder und ihre Funktion in der Wissenschaftlichen Revolution, Wiesbaden; Shortland, M. / Yeo, R. 1996: Telling Lives in Science. Essays on Scientific Biography, Cambridge; Söderqvist, T. 2007: The History and Poetics of Scientific Biography, Aldershot u. a.
4 Biagioli, M. 1993: Galileo Courtier: The Practice of Science in the Culture of Absolutism, Chicago.
5 Vanacker, J. / Verhulst, S. 2010: Atteone furioso. La cadcia alla divina conoscenza negli eorici furori di Giordano Bruno, in: Rivista di Storia della Filosofia 65.4, S. 695–718.
6 Schabert, I. 1994: Autorschaft: Genus und Genie in der Zeit um 1800, Berlin; Schmidt, J. 1985: Die Geschichte des Genie-Gedankens in der deutschen Literatur, Philosophie und Politik, 1750–1945, Darmstadt.
7 Mommertz, M. 2015b: Theoriepotentiale „ferner Vergangenheiten“: Geschlecht als Markierung/Ressource/Tracer, in: L'Homme – Z.F.G. 26.1, S. 79–98.
8 Mommertz, M. 2006: Das Wissen „auslocken“. Eine Skizze zur Geschichte der epistemologischen Produktivität von Grenzüberschreitung, Transfer und Grenzziehung zwischen Universität und Gesellschaft, in: Y. Nakamura [et al.] (Hrsg.), Theorie versus Praxis? Perspektiven auf ein Missverständnis, Zürich, S. 19–51; Mommertz, M. 2010: Von den Leistungen der Differenz: Für eine andere Wissenschaftsgeschichte der Frühen Neuzeit und des beginnenden 19. Jahrhunderts in Europa, in: H. Küllchen [et al.] (Hrsg.), Frauen in der Wissenschaft, Leipzig, S. 35–78.
9 Mommertz, M. 2015b: Theoriepotentiale „ferner Vergangenheiten“: Geschlecht als Markierung/Ressource/Tracer, in: L'Homme – Z.F.G. 26.1, S. 79–98.
10 Mommertz, M. (Red.) 2014: L'Homme – Z.F.G. 25.2: Zeitenschwellen.
11 Mommertz, M. 2010: Von den Leistungen der Differenz: Für eine andere Wissenschaftsgeschichte der Frühen Neuzeit und des beginnenden 19. Jahrhunderts in Europa, in: H. Küllchen [et al.] (Hrsg.), Frauen in der Wissenschaft, Leipzig, S. 35–78; Mommertz, M. 2015b: Theoriepotentiale „ferner Vergangenheiten“: Geschlecht als Markierung/Ressource/Tracer, in: L'Homme – Z.F.G. 26.1, S. 79–98.
12 Mommertz, M. (Red.) 2014: L'Homme – Z.F.G. 25.2: Zeitenschwellen.
13 Mommertz, M. 2012: Wissen vom Zweikampf. Transdisziplinäre und transepochale Überlegungen, in: U. Ludwig / B. Krug-Richter / G. Schwerhoff (Hrsg.), Das Duell. Ehrenkämpfe vom Mittelalter bis zur Moderne (Konflikte und Kultur - Historische Perspektiven 23), Konstanz, S. 77–92.
14 Daston, L. / Sibum, H. O. 2003: Introduction: Scientific Personae and Their Histories, in: Science in Context 16.1-2, S. 1–8.
15 Faroult, G. 2010: L' antiquité rêvée: innovations et résistances au XVIIIe siècle, Paris.
16 Long, K. P. 2010: Gender and Scientific Discourse in Early Modern Culture, Farnham.
17 Fuhrin, K. 2013: Der prominente Wissenschaftler. Motive für mediale Präsenz, Wiesbaden.


Publikationen des Teilprojekts

  • Mommertz, M. [vorauss. 2017]: Heroes and heroisation in science, scholarship and knowledge production, in: helden. heroes. héros. E-Journal zu Kulturen des Heroischen, Special Issue: Helden und Heroisierung in Wissenschaft, Gelehrsamkeit und Wissensproduktion (in Vorbereitung).
  • Mommertz, M. 2015a: Gender, in: R. von den Hoff / R. G. Asch / A. Aurnhammer [et al.] (Hrsg.), Das Heroische in der neueren kulturhistorischen Forschung: Ein kritischer Bericht, H-Soz-Kult, 28.07.2015, S. 80–86, http://www.hsozkult.de/literaturereview/id/forschungsberichte-2216.

 

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