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Teilprojekt A4

Helden und Heroisierungen in öffentlichen Stadträumen Italiens und Frankreichs im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit

Teilprojektleitung: Prof. Dr. Hans W. Hubert; Mitarbeiterin: Katharina Helm
 
Projektdauer: 2012-2016Bericht als PDF


Das Teilprojekt A4 untersuchte die Voraussetzungen, Formen und Konzepte von Standbildern von Helden und heroisierten Personen im öffentlichen Stadtraum Italiens und Frankreichs vom Spätmittelalter bis zur frühen Neuzeit. Es sollte mit einem möglichst vollständigen Korpus, das sowohl ausgeführte als auch geplante und zerstörte Monumente umfasst, die heroische Modellierung von biblischen, mythologischen und historischen Personen im öffentlichen Denkmal in diachroner und komparativer Perspektive (1300–1800) analysiert werden. Ferner sollten sowohl der jeweilige soziale, kulturelle und historisch-politische Kontext, in dem das Standbild errichtet wurde, als auch die performativ am Denkmal vollzogenen Akte in die Untersuchungen einbezogen werden.

Im Spätmittelalter, so ergaben die Untersuchungen, war mit Bonifaz VIII. vor allem das Papsttum führend in einer Bildnispolitik, die ganz gezielt mit Statuensetzungen operierte. Schon hier wurden über die Standbilder Herrschaftskonzepte kommuniziert und demonstriert, wobei die gestalterischen Möglichkeiten einer Heroisierung noch in sehr engen Grenzen verliefen und vor allem über das kostbare Material und spezielle Insignien in der Spielart der visuellen Sanktifizierung zum Tragen kamen (Hubert 2016).
Durch den Vergleich der beiden politisch und territorial verschieden strukturierten Länder Italien und Frankreich wurde ein Unterschied bezüglich der visuellen Modellierung von Heroisierung besonders deutlich: Die Konzepte der Denkmalsetzungen sind, zumindest in der Frühphase des heldischen Denkmals, ganz wesentlich von der politischen Struktur des Gemeinwesens abhängig, in dem sie entstehen. Deshalb ergeben die Denkmalsetzungen in Italien ein sehr komplexes Bild, das mitunter zwar Analogien zur heroischen Modellierung in den französischen Standbildern aufweist, sich im Ganzen jedoch deutlich davon abhebt.

Um das Phänomen der heroischen Modellierung im Standbild präzise darlegen zu können, wurden auch andere visuelle Medien berücksichtigt. Hierbei lag der Fokus jedoch nicht nur auf Bildwerken, die in einem profanen Kontext entstanden sind, wie z. B. die bekannten Freskenzyklen der Uomini illustri. In einem relativ breiten Wurf wurde speziell die italienische Grabmalsplastik beleuchtet, da Grabdenkmäler in ihrer Funktion, die Memoria des Verstorbenen zu sichern, eine eigene Grabdenkmalsgestaltung und Grabdenkmalsikonographie entwickelt hatten. Diese weist in besonderem Maße einen großen Umfang an Triumphmotivik auf, die vor allem in den späteren Standbildern von Helden und heroisierten Personen, vornehmlich des Barock, aufgenommen wird. Ein weiteres Charakteristikum der Grabmalskunst ist die Visualisierung der Tugendhaftigkeit des Verstorbenen, ein Aspekt, der ebenfalls in der heroisierenden Gestaltung der Statuen aus der Früh- und Hochrenaissance seinen Niederschlag findet. Ein wesentliches Merkmal des öffentlichen Standbildes ist jedoch, dass im Laufe seiner Entwicklungsgeschichte, die im Rahmen der Untersuchung ebenfalls beleuchtet wurde, die heroische Stilisierung einer historischen Person erst nach und nach möglich wird. Durch die restriktiven und schwer fassbaren Bestimmungen des decorum, denen die Gestaltung eines öffentlich aufgestellten Standbildes zu jeder Zeit unterworfen war, wurde die Verbildlichung der Tugendthematik und deren Zuspitzung auf eine Person durch biblische und mythologische „Stellvertreter“ gewährleistet. Bevor also die Darstellung einer historischen Person im öffentlichen Denkmal als zeitlich fassbares Individuum überhaupt erst möglich war, vollzog sich ihre Heroisierung zunächst auf eher indirekte Weise (Hubert 2016). Daher weist im 15. Jahrhundert die heroische Modellierung im öffentlichen Standbild einen in seinem Kern dissimulativen, das Objekt der Heroisierung verbergenden Zug auf (Hubert 2013; Helm 2015a). Als Referenzobjekt diente in der Regel ein im Standbild dargestellter mythologischer oder biblischer Tugendheld, dessen positiv heldisch konnotierte Eigenschaften auf eine andere Person übertragen wurden (zur theoretischen Fundierung dieses Phänomens s. von den Hoff et al. 2015).

Besonders für die Republik Florenz konnte gezeigt werden, wie brisant die Vereinnahmung eines kollektiven Tugendhelden, der ursprünglich der Sphäre der kommunalen Bildpolitik verhaftet war, sein konnte – womit zugleich auch die Konkurrenz um das heroische Referenzpersonal angesprochen ist. Dass dieses obendrein nur aus Männern bestehen durfte, wird nicht nur aus der Tatsache evident, dass sich die Geschlechterhierarchie schlichtweg in der Vielzahl an Darstellungen männlicher Figuren widerspiegelt. Auch der Umstand, dass es in dem gesamten zu untersuchenden Zeitraum lediglich ein einziges, obendrein nur zeitweise in den öffentlichen Raum disloziertes Standbild gibt, das eine Frau als Protagonistin aufweist, spricht für sich. An diesem Einzelfall konnte anhand der Quellen gezeigt werden, dass Frauen zumindest in der Republik Florenz nicht als geeignet angesehen wurden, an einem öffentlichen Platz als heroisch konnotierte Stabilisatoren normativer Ordnungen zu fungierender. Gerade weil es sonst weder in Italien noch in Frankreich frei aufgestellte plastische Denkmäler von (heroisierten) Frauen gibt, scheint dieser Befund verallgemeinerbar zu sein, was allerdings nicht bedeutet, dass es überhaupt keine Verehrung von Heroinen oder heroisierten Frauen gegeben hätte: in weniger prononcierten und weniger öffentlich wirksamen Bildmedien ist das durchaus der Fall.

Ein weiteres zentrales Ergebnis der Untersuchungen betrifft den räumlich-semantischen Kontext des jeweiligen öffentlichen Standbildes. Im Rahmen der Einzelanalysen wurde sehr deutlich, dass neben der Möglichkeit der ikonographischen Bezugnahme oder der Herstellung eines Bezuges durch Namensanalogie besonders der Aufstellungsort dazu beitragen kann, einen semantischen Mehrwert zu generieren. Durch die Positionierung der Statue auf einem frei zugänglichen Platz wurde diese in einen architektonischen Bezug eingebettet, der sich in den meisten Fällen als intentionales Mittel der Bedeutungssteigerung der in der Statue angelegten Aussageintention erwiesen hat (Helm 2015a; Helm et al. 2015b).

Neben der bereits erläuterten dissimulativen Heroisierung, die besonders die Frühphase des öffentlichen Standbildes kennzeichnet, wurden im 16. Jh. in den Republiken Ober- und Mittelitaliens vorzugsweise imitative Heroisierungskonzepte angewendet. In diesem Rahmen wurde eine historische Person als eine andere, überzeitliche, d.h. biblische oder mythologische, tugendhafte Figur dargestellt, der aber porträthafte Züge verliehen wurden (Helm 2015a). Zwar wurde auch in Frankreich der König mit den Attributen des Herkules gezeigt, doch geschah dies zu einem deutlich späteren Zeitpunkt und unter einer gänzlich anderen Prämisse: Das Heldendenkmal war dort fast von Anfang an der Darstellung des Staatsoberhauptes vorbehalten und bildete eine sehr öffentlichkeitswirksame Bildnisform, in der die politische Aussageintention des französischen Königs deutlich erkennbar wurde. Die Art und Weise, mit der besonders Ludwig XIV. seine Vorgänger in ihrer Heroisierung übertraf, ist singulär. Doch auch in den italienischen Herzogtümern trat im Verlauf des 17. Jhs. in der Heroisierung einzelner Personen in öffentlichen Standbildern eine überbietende Komponente hinzu, die sich vorzugsweise in den bereits erwähnten, ursprünglich einem religiösen Kontext entspringenden Triumphmotiven und Apotheosedarstellungen äußerte. Es wird somit deutlich, dass sich die heroische Modellierung im öffentlichen Standbild zur Visualisierung eines machtpolitischen Selbstverständnisses und zur Durchsetzung geopolitischer Interessen eignete und in der Regel herausgehobenen Personen und daher v.a. Fürsten und Königen vorbehalten war. Gleichwohl sind die einzelnen Bedeutungsschichten, die es in der Analyse der formalen Konzeption des Standbildes herauszuarbeiten galt, in ihrer Signifikanz nicht zu unterschätzen, da erst durch ihre Kenntnis sämtliche Bedeutungsschichten eines heroisierenden Standbildes umfassend erkennbar werden. Somit ist schon angedeutet, dass neben der formalen auch die ikonographische Analyse eine wesentliche Rolle bei der Untersuchung gespielt hat (Hubert 2016). Die Recherche nach lediglich intendierten, jedoch nicht zur Ausführung gelangten Standbildern gestaltete sich als äußerst schwierig, da realisierte Objekte in deutlich größerem Umfang Beachtung und entsprechenden schriftlichen Niederschlag finden als nichtrealisierte. Daher kann mitnichten die ursprünglich avisierte Vollständigkeit des Korpus an ausgeführten und nicht ausgeführten Statuen im öffentlichen Raum in Italien und Frankreich gewährleistet werden.

Der regelmäßige und direkte Austausch mit dem kunsthistorischen Teilprojekt Kunsthelden (B3) hat sich als besonders fruchtbar erwiesen. Gemeinsam wurden Konzepte des Heroischen sowie Probleme, Sonderfälle und kunsthistorisch relevante Fragen auf fachlicher Ebene diskutiert. Besonders wichtig und hilfreich waren allerdings die Anregungen aus anderen Fachgebieten. So wurden in Form von mehreren Workshops einzelne Fragestellungen gezielt erörtert. In diesem Rahmen hielt Frau Naïma Ghermani (Grenoble) einen Vortrag über die heroisierende Performanz von Paraderüstungen, der für das historisch kontextualisierte Verständnis von Standbildern in Rüstung sehr wichtig war. Des Weiteren hielt Frau Ghermani einen Gastvortrag mit dem Titel „Der Fürst als Held: Rüstkammer und Porträts in Rüstung in Deutschland (um 1560 – um 1630)“, in dem das herrscherliche Selbstverständnis als gerüstete, kampffähige und -bereite Person auch legitimiert und mit dynastischer Aussagekraft inszeniert wurde. Auch der gemeinsam mit dem Teilprojekt B3 konzipierte Workshop „Sammlungen im Spannungsfeld von Gelehrsamkeit, Meraviglia und heroischer Repräsentation“ trug dazu bei, die Sammeltätigkeit eines Herrschers als heroisierende Selbststilisierung kritisch zu hinterfragen. In dem gemeinsam mit den Teilprojekten Wissenschaftlerheros (B2), Kunsthelden (B3) und Konkurrierende Modelle des Heroischen (C2) veranstalteten Workshop zu „Krieg, Kunst, Wissen“ konnten diesbezügliche Fragen in einem breiteren Kontext und ebenfalls fächerübergreifend diskutiert werden, was sich als deutlicher Mehrwert bei der weiteren Bearbeitung der Dissertation erwies.

Die aktive Teilnahme an der VAG 5 „Theorie“ bot die Möglichkeit, theoretische Grundlagen des Heroischen auf breiter Basis zu erarbeiten und in die Einzelanalysen der Dissertation einfließen zu lassen. Durch den gemeinsamen Austausch mit den Teilprojekten Bonapartismus (B5), Der ‚éclat‘ des Helden (A5) Adlige Gruppenkultur (C1) in der VAG 3 „Deheroisierung“ konnten diesbezügliche Phänomene transdisziplinär erarbeitet werden. Heroisierung und Deheroisierung wurden als untrennbare miteinander verknüpfte Komplementärphänomene verstanden und mitsamt von Fallstudien in Form eines kollaborativ verfassten Beitrags im E-Journal des SFB 948 publiziert (Helm / Hubert [et al.] 2015b). Auch der Austausch innerhalb der GRAFO-Arbeitsgruppe, die sich explizit mit Phänomenen des Heroischen im 17. Jh. beschäftigt hat, war der Erarbeitung des Themas, besonders in der Anfangsphase, zuträglich.

Unter der Frage, wie man Aneignungsformen des Heroischen eigentlich für den SFBs nutzbringend methodisch aufbereiten kann, haben sich die Projekte A3, A4, B1 und B3 zusammengefunden und die Tagung „Imitiatio heroica“ ausgerichtet, deren Ergebnisse mittlerweile gedruckt vorliegen (von den Hoff / Hubert [et al.] 2015).

Außerhalb der engeren Arbeit des SFBs haben die beiden TP A4 und B3 eine zweisemestrige Vortragsreihe zum Thema „Künstlerhelden?“ konzipiert. Darin ging es um die Übertragung heroischer Modelle auf Künstler der Frühen Neuzeit und der Moderne sowie um spezifische das Künstlertum und den Künstlerstatus betreffende Heroisierungsphänomene.

Die Resonanz der eingeladenen Wissenschaftler, die die Bearbeitung des vielversprechenden Themas als das Desiderat empfanden, legte eine Publikation der Vorträge nahe. Diese wurde durch einen Workshop der beiden involvierten Teilprojekte vorbereitet, wodurch die Beiträge nochmals fundiert und inhaltlich konzise sowohl aufeinander, als auch auf die übergeordneten Fragestellungen des Sammelbandes abgestimmt werden konnten. Zur Abrundung des chronologischen Horizontes wurden zusätzliche Autoren um Beiträge gebeten. Die Publikation wurde in Zusammenarbeit mit einem kunsthistorischen Fachverlag erfolgreich realisiert (Helm / Hubert [et al.] 2015c).


Publikationen des Teilprojekts

  • Helm, K. 2015a: „In honore et exaltatione di Soa Excelentia“ – Das Standbild des Andrea Doria in der Gestalt Neptuns von Baccio Bandinelli, in: R. von den Hoff / F. Heinzer / H. W. Hubert / A. Schreurs-Morét (Hrsg.), Imitatio heroica. Heldenangleichung im Bildnis (Helden – Heroisierungen – Heroismen 1), Würzburg, S. 137–154.
  • Helm, K. / Hubert, H. W. / Gelz, A. [et al.] 2015b: Phänomene der Deheroisierung in Vormoderne und Moderne, in: helden. heroes. héros. E-Journal zu Kulturen des Heroischen 3.1: Faszinosum Antiheld, S. 135–149, DOI: 10.6094/helden.heroes.heros/2015/01/13.
  • Helm, K. / Hubert, H. W. / Posselt-Kuhli, C. / Schreurs-Morét, A. 2015c: Künstlerhelden? Heroisierung und mediale Inszenierung von Malern, Bildhauern und Architekten, Merzhausen.
  • Hubert, H. W. 2016: Sanktifizierung als Heroisierung? Die Statuen Papst Bonifaz' VIII. zwischen Bildnispolitik und Idolatrie, in: A. Aurnhammer / U. Bröckling (Hrsg.), Vom Weihegefäß zur Drohne. Kulturen des Heroischen und ihre Objekte (Helden – Heroisierungen – Heroismen 4), Würzburg, S. 59–84.
  • Hubert, H. W. 2015: Michelangelo – Vom Ausnahmekünstler zum ,Denkmal‘, in: K. Helm [et al.] (Hrsg.), Künstlerhelden? Heroisierung und mediale Inszenierung von Malern, Bildhauern und Architekten, Merzhausen, S. 132–178.
  • Hubert, H. W. 2013: Gestaltungen des Heroischen in den Florentiner David-Plastiken, in: A. Aurnhammer / M. Pfister (Hrsg.), Heroen und Heroisierungen in der Renaissance (Wolfenbütteler Abhandlungen zur Renaissanceforschung 28), Wiesbaden, S. 181–218.
  • von den Hoff, R. / Hubert, H. W. / A. Schreurs-Morét [et al.] 2015: „Imitatio heroica“ – Zur Reichweite eines kulturellen Phänomens, in: R. von den Hoff / / F. Heinzer / H. W. Hubert / A. Schreurs-Morét (Hrsg.), Imitatio heroica. Heldenangleichung im Bildnis (Helden – Heroisierungen – Heroismen 1), Würzburg, S. 9–34.

 

 

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