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Teilprojekt D8


Heroisierung von Arbeit in China und Russland zwischen 1920 und 1960

 

Prof. Dr. Dietmar Neutatz
Prof. Dr. Nicola Spakowski
Irina Tibilova
Alexander Schröder

Historisches Seminar
Institut für Sinologie


Das Teilprojekt D8 untersucht die Figur des Arbeitshelden in China und Russland zwischen 1920 und 1960 und verortet sie in globalhistorischen Prozessen der Heroisierung von Arbeit. Es ist als interdisziplinäre Kooperation von Historiker/inn/en und Sinolog/inn/en konzipiert und betrachtet die Heroisierung von Arbeit in länder- und kulturspezifischen kommunistischen Kontexten vergleichend. Das Projekt verortet den „sozialistischen Helden“ in einem größeren Rahmen und lotet die Beziehung zwischen der Heroisierung von Arbeit und der Stilisierung als Kampf aus. Es betrachtet Heroisierung von Arbeit als Antwort auf die Herausforderungen der Moderne und als Teil eines antikapitalistischen Gesellschaftsentwurfs.

Die Figur des Arbeitshelden formierte sich als ein Kulturen und politische Lager übergreifendes Phänomen, das in den kommunistischen Bewegungen, im Faschismus und Nationalsozialismus, aber auch in der Sozialdemokratie, in der Konservativen Revolution oder auch in den USA während des New Deal eine wichtige Rolle spielte. Sie hat eine Schnittmenge mit dem ebenfalls lager- und länderübergreifenden Diskurs vom „neuen Menschen“. Die Auratisierung und emotionale Aufladung des Arbeiters, also ausgerechnet derjenigen Figur, die im industriellen Produktionsprozess eigentlich anonymisiert und in eine funktionale Rolle gedrängt wird, lässt sich interpretieren als Reaktion auf die moderne Industriegesellschaft, die geprägt ist von Technisierung, Ökonomisierung, Rationalisierung und Anonymisierung.

In zwei Teilstudien werden die spezifischen Ausprägungen dieses Phänomens untersucht. Die Historikerin Irina Tibilova behandelt im Rahmen ihrer Dissertation die „Heroisierung und Militarisierung von Arbeit in der Sowjetunion von den 1920er bis Anfang der 1960er Jahre“. Der Sinologe Alexander Schröder widmet sich in seiner Dissertation „Arbeitsheld/inn/en in wechselnden Kontexten des chinesischen Sozialismus von den späten 1920er Jahren bis ca. 1960“.

Eigene Forschungen der Teilprojektleiter werden die Befunde zueinander in Beziehung setzen und in größere Kontexte einordnen. Auf diese Weise wird der transnationalen Dimension Rechnung getragen und werden Wechselwirkungen und Transferprozesse zwischen den Figurationen und der sozialen Praxis der Arbeitsheld/inn/en in der Sowjetunion und in China untersucht.

Der Reiz der Länderauswahl besteht in den je unterschiedlichen sozioökonomischen Entwicklungsstadien und -perspektiven. Im Gegensatz zu den westlichen Industrieländern war in der Sowjetunion und in China die moderne Industriegesellschaft noch nicht implementiert, und in beiden Ländern gestaltete sich die Bewertung von landwirtschaftlicher im Verhältnis zu industrieller Arbeit unterschiedlich, selbst auf regionaler Ebene.

Die Hauptfragestellungen zielen auf: 1. die Ursprünge der Heroisierung von Arbeit, die Aneignung der diesbezüglichen älteren und zeitgenössischen Diskurse in der frühen Sowjetunion und die Transferprozesse zwischen der Sowjetunion und China; 2. Medialisierung und Figuration (Zuschreibungen von Eigenschaften, Körperbildern und Genderrollen an die Arbeitsheld/inn/en; fiktionale und utopische Projektionen); 3. Funktionen, soziale Reichweite und soziale Praxis der Heroisierung von Arbeit; 4. die Rolle des politischen Systems (Spezifika der Heroisierung von Arbeit in totalitären gegenüber nicht-totalitären Systemen).

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"Das Heroische. — Das Heroische besteht darin, dass man Großes tut (oder etwas in großer Weise nicht tut), ohne sich im Wettkampfe mit anderen, vor anderen zu fühlen. Der Heros trägt die Einöde und den heiligen unbetretbaren Grenzbezirk immer mit sich, wohin er auch gehe."
Friedrich Nietzsche (Menschliches, Allzumenschliches II, Aphorismus 337)