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Teilprojekt D7


Von der militärischen zur politischen Heroisierung: Paul von Hindenburg und Philippe Pétain im Vergleich

 

Prof. Dr. Jörn Leonhard
Stefan Schubert

Historisches Seminar


Menschenleere Schlachtfelder, anonymes Sterben durch Artillerieeinschläge oder Minenexplosionen, eine totalisierte Kriegsgewalt, die Millionen von Opfern forderte – durch den Ersten Weltkrieg wurden traditionelle Vorstellungen vom heroischen Kampf Mann gegen Mann massiv in Frage gestellt. Neue Heldenvorstellungen entstanden, die zum einen auf der Demokratisierung des Heldenopfers basierten, wie sie ikonisch in der Figur des Unbekannten Soldaten wiederhallen sollte. Zum anderen traten aber auch neuartige Führerfiguren in den Vordergrund, die die gewandelten Anforderungen des neuen Krieges zu personifizieren schienen und gleichzeitig politische Ambitionen verfolgten: Paul von Hindenburg, Philippe Pétain, Józef Piłsudski, Benito Mussolini, Mustafa Kemal Atatürk, Tschiang-Kai-Tschek um nur einige zu nennen. Der Monarch als traditionelle Identifikationsfigur wurde dagegen weitestgehend in den Hintergrund gedrängt. Die neuen „nationalen Retter“ konnten während des Krieges von einem sukzessiv ausgebauten Propagandaapparat profitieren, der die Bedingungen der Massenkommunikation in den Kriegsgesellschaften grundlegend veränderte. Die Manipulation der öffentlichen Meinung wurde erprobt und stieß spätestens gegen Ende des Krieges auch an ihre Grenzen. Dennoch hatten sie Anteil an der Bildung von besonderen Heldennarrativen, die die Zwischenkriegszeit in spezifischer Weise prägten und ohne die sich die Durchsetzung totalitärer Ordnungsmodelle nicht angemessen verstehen lässt.

Das Teilprojekt fragt vor diesem Hintergrund nach dem Zusammenhang zwischen militärischem Heldentum und politischer Legitimation im Zeitalter der ideologischen Extreme und danach, wie sich das Verhältnis zwischen den Helden des Krieges und den Friedenszeiten der Nachkriegsjahre gestaltete. An Paul von Hindenburg in Deutschland und Philippe Pétain in Frankreich wird die Verbindung zwischen der Heroisierung im Krieg und der Übersetzung dieses außergewöhnlichen Reputationskapitals in ein politisches Amt in Zeiten der politischen und gesellschaftlichen Krisen exemplarisch deutlich. Der Blick auf diese beiden Generäle des Ersten Weltkrieges soll zum einen das Verhältnis von Fremd- und Selbstheroisierung untersuchen. Zum anderen geht es um die Rolle, die moderne Massenmedien (Radio, Film, Wahlplakate, Propagandakampagnen) und eine geschichtspolitische Inszenierung der beiden Heldenfiguren in diesen Prozessen gespielt haben. Eine solche Analyse von Heroisierungsprozessen soll dazu beitragen, die Bedingungen von Stabilität und Instabilität in Nachkriegsgesellschaften zu untersuchen, die ihren nationalen „Rettern“ die höchsten politischen Ämter antrugen.

Die im Rahmen dieses Teilprojekts entstehende Dissertation widmet sich diesen beiden Figuren, die trotz der offensichtlichen Ähnlichkeiten – eine traditionelle militärische Karriere, die Erfahrungen im Ersten Weltkrieg und der Wandel vom militärisch-nationalen Retterhelden zum Inhaber des höchsten politischen Amtes – kaum vergleichend untersucht worden sind. Ein solcher Vergleich verspricht jedoch über nationale Grenzen hinausgehende Einblicke in die unter neuen Voraussetzungen stattfindenden Heroisierungsprozesse sowie in den Zusammenhang zwischen Kriegscharisma und politischer Herrschaft in der ideologisch aufgeladenen Zwischenkriegszeit.

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