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Teilprojekt D6


Heldenhaftes Warten – Erwartete Helden. Heroischer Attentismus in der deutschen Literatur des frühen 20. Jahrhunderts

 

Prof. Dr. Achim Aurnhammer
PD Dr. Hanna Klessinger
Nicolas Detering

Deutsches Seminar


 

Das Teilprojekt widmet sich dem Phänomen des ‚heroischen Attentismus‘ in der deutschen Literatur im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts. Unter ‚Attentismus‘ wird eine Konstellation verstanden zwischen der Heroisierung des Abwartens, Ausharrens und Durchhaltens einerseits und den prophetischen Entwürfen heroischer Erwartungen und Sehnsüchten andererseits. Der Attentismus der 1900er bis 1930er Jahre verlagert die heroische Qualität ‚nach innen‘: Betont wird entweder voluntaristisch der Wille zur Tat oder messianisch die Evokation des Künftigen als heroisches Verdienst in einer sinnentleerten Gegenwart. Das Teilprojekt möchte attentistische Konfigurationen in der deutschen Literatur zwischen 1900 und 1945 differenzieren. Exemplarisch analysiert werden die messianische Dichtung seit 1900, die Frontlyrik im Ersten Weltkrieg, Dramen um 1920, die kulturkritische Essayistik der Weimarer Republik sowie Warteszenen im Exil und im nationalsozialistischen Deutschland. Folgende drei Aspekte stehen im Zentrum:

Erstens problematisiert das Teilprojekt die Zuschreibung heroischer Agency als Voraussetzung von Heldenkonstruktionen. Untersucht werden konkurrierende Konzepte ‚attentistischer‘ Agency, nämlich inwiefern dem Erwartenden heroische Handlungsfähigkeit zugesprochen wird bzw. wie sich darin ein alternatives Modell des Heroischen ausdrückt, in dem gerade der fehlende Handlungsspielraum einer Figur die heroische Qualität ihres Verhaltens ausmacht. Neben der Viktimisierung des Märtyrer-Helden, der seit der Antike in Konkurrenz zum souveränen Typus des Tathelden stand, erscheint die Heroisierung des treuen ‚Stellunghaltens‘ als ein solches Heldenmodell mit geringer Agency. Figurationen attentistischer Agency bedürfen zweitens einer näheren Bestimmung heroischer Temporalität. Das Projekt setzt sich zum Ziel, anhand von literarischen Szenen des Wartens den Zusammenhang von Zeiterfahrung und Geschichtsdeutung zu beschreiben: Untersucht werden sollen räumliche und zeitliche Metaphern (‚Reifezeit‘, ‚Wartesaal‘, ‚Deich‘), mit denen literarische Texte die Darstellung situativen Wartens mit geschichtsphilosophischen Diagnosen einer Conditio humana moderna verknüpfen, sowie narrative Strategien der Zeitdehnung, mit denen sich AutorInnen von dynamischeren Erzählmustern des 19. Jahrhunderts absetzten. An die Untersuchung heroischer Temporalität schließt drittens die Frage an, welchen Beitrag literarische Verhandlungsformen dabei leisten, das Heroische als Mittel der Gegenwartsreflexion zu profilieren. Die Poetik des Attentismus stellt Heldenfiguren nicht mehr nur dar, sondern reflektiert heroische Qualität stets auch diskursiv. Insbesondere prophetische Texte changieren zwischen Präfigurierung und Projektion, d.h. zwischen dem Rückbezug auf heroische Paradigmen (Alexander der Große, Christus, Napoleon) und der Etablierung neuer, zeitgemäßer Eigenschaften des Kommenden. Inwiefern trägt die Evokation früherer Heldentypen, deren Rückkehr erwartet wird, zur Stabilisierung oder Destabilisierung aktueller politischer Führungsfiguren bei? Die Relationierung von Vorbild und Wunschbild beruht auf geschichtsphilosophischen Prämissen (zyklisches vs. teleologisches vs. typologisches Geschichtsverständnis), nach denen sich Formen und Tendenzen des heroischen Attentismus heuristisch sinnvoll ordnen lassen. Wie werden Gegenwart und Zukunft, Erfahrung und Erwartung strukturell aufeinander bezogen?

Während der Teilprojektmitarbeiter diese Fragen in einer Monographie zum heroischen Attentismus in der deutschen Literatur zwischen 1900 und 1945 adressiert, verfasst der Teilprojektleiter eine Reihe von kleineren Studien, darunter zu Kontinuitäten einer heroischen Antizipationsstrategie im Werk Stefan Georges, zur Rezeption von Georges Lyrik im Nationalsozialismus und zu Figuren messianischer Erfüllung in der nationalsozialistischen Literatur.

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"Das Heroische. — Das Heroische besteht darin, dass man Großes tut (oder etwas in großer Weise nicht tut), ohne sich im Wettkampfe mit anderen, vor anderen zu fühlen. Der Heros trägt die Einöde und den heiligen unbetretbaren Grenzbezirk immer mit sich, wohin er auch gehe."
Friedrich Nietzsche (Menschliches, Allzumenschliches II, Aphorismus 337)