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Teilprojekt D5


Modelle des Heroischen in militärischen Selbstzeugnissen 1756–1815 im deutsch-französischen Vergleich

 

Prof. Dr. Ronald G. Asch
Kelly Minelli

Historisches Seminar


 Das Teilprojekt fragt nach heroischen Leitbildern und Formen der heroischen (Selbst-)dar-stellung von Mitgliedern des Militärs in der Epoche zwischen dem Siebenjährigen Krieg und den Napoleonischen Kriegen. Dazu will es Selbstzeugnisse sowohl von einfachen Soldaten als auch von (adligen) Offizieren auswerten. Als Hauptquellen dienen Autobiographien, Memoiren und Tagebücher, die zum Teil von den Autoren selbst oder aber von deren Angehörigen in der Regel erst einige Jahrzehnte nach der eigentlichen Kriegsteilnahme publiziert worden sind. Um die damit einhergehende Überformung der Kriegserfahrung durch rechtfertigende Selbststilisierung und die nachträgliche, durch literarische Konventionen geprägte Überarbeitung der Kriegserinnerungen zu problematisieren, fließt die Analyse von Soldatenbriefen ebenfalls in die Untersuchung mit ein. Der tiefgreifende Wandel nicht nur in der Kriegsführung, sondern auch des Umgangs mit kriegerischer Gewalt im Untersuchungszeitraum führte zu einer Transformation der heroischen Leitbilder: Während vor 1790 die Darstellung als Held eher nur der adligen Offizierskaste vorbehalten blieb, änderte sich dies mit der Französischen Revolution und den Napoleonischen Kriegen. Auch einfachen Soldaten wurde zunehmend das Ideal der heroischen Männlichkeit attestiert und ihnen die Möglichkeit der Heroisierung zugestanden. Hier fragt das Projekt inwieweit sich die heroischen Leitbilder zwischen Offizieren und Soldaten annäherten. Welche Gemeinsamkeiten, Unterschiede oder Überschneidungen finden sich zwischen den verschiedenen heroischen Modellen wie dem adligen Heerführer, dem Berufsoffizier und dem „bürgerlichen“ Nationalkrieger? Wie verhält es sich mit Ehrvorstellungen, die vor dem Siebenjährigen Krieg vorrangig für adlige Offiziere von Bedeutung waren, sich aber im Laufe des 18. Jahrhunderts in Form von Streitigkeiten in Bezug auf die Regimentsehre zunehmend auch bei einfachen Soldaten finden lassen?

Hierbei soll der Fokus ebenso auf dem Kulturtransfer zwischen Deutschland und Frankreich liegen: Waren es während des Siebenjährigen Krieges die zu „Maschinen“ gedrillten Soldaten Preußens, welche als Ideale militärischer Überlegenheit galten, so änderte sich dies nach Jena und Auerstedt. Die Bürgersoldaten Frankreichs bildeten nun die Vorbilder für Preußen und andere deutsche Territorien. Es wird also zu untersuchen sein, ob sich ein Unterschied zwischen deutschen und französischen Selbstzeugnissen finden lässt und inwiefern neue, veränderte heroische Modelle soldatischen Verhaltens durch den Kulturtransfer von den jeweiligen Ländern rezipiert wurden.

Ausgehend von der These des Militärhistorikers Yuval Harari, untersucht das Projekt zudem wie die stärkere Thematisierung von Emotionen und körperlichem Empfinden seitens des Erzählers mit einer Veränderung der Vorstellung militärischen Heldentums einherging. In welchem Umfang trifft Hararis These zu, dass Gewalterfahrungen im Krieg nach 1750 zunehmend als Teil einer heroisierenden Selbstentdeckung des Individuums gedeutet werden? Beeinflusst durch die Kultur der Empfindsamkeit und der Vorstellung der „erhabenen Erfahrung“ betonten auch die Autoren militärischer Selbstzeugnisse stärker ihre Empfindungen und körperlichen Reaktionen in Bezug auf Gewalt- und Kampferfahrungen. Hierbei ist zu fragen, wie in diesem Zusammenhang generell die unmittelbare Erfahrung von Tod und Verwundung verarbeitet wurde. Nahmen seit den 1790er Jahren die transgressiven Züge des heroischen Kriegers, welche die Aufklärung zurückgedrängt hatte, wieder zu oder werden sie zumindest wieder leichter darstellbar? Die Darstellung von Schmerz, Angst, Mut und kriegerischem Eifer sowie ihre Bedeutung für die Charakterisierung und Stilisierung eines militärischen Heldenideals werden dabei ebenfalls zu berücksichtigen sein.

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"Das Heroische. — Das Heroische besteht darin, dass man Großes tut (oder etwas in großer Weise nicht tut), ohne sich im Wettkampfe mit anderen, vor anderen zu fühlen. Der Heros trägt die Einöde und den heiligen unbetretbaren Grenzbezirk immer mit sich, wohin er auch gehe."
Friedrich Nietzsche (Menschliches, Allzumenschliches II, Aphorismus 337)