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Teilprojekt D4


Grazia und Terribilità: Charismatisierungen des Künstlers als Phänomen des Heroischen in der frühen Neuzeit

 

Prof. Dr. Anna Schreurs-Morét
Jennifer Trauschke

Kunstgeschichtliches Institut


Ziel des Teilprojekts ist es, in der Kunstliteratur und in Künstler(selbst)bildnissen zwischen ca. 1500 und ca. 1800 die Parameter grazia und terribilità als Grundmuster bis heute andauernder Vorstellungen des Künstlertums aufzuzeigen: Das Spannungsfeld von Anmut und Gewalt soll in seinen Funktionen und Wirkungen als typisches Phänomen des Heroischen erklärt werden. Mit Blick auf die reiche Gefolgschaft der exzeptionellen Künstler kann zudem eine präzisere Beschreibung von Charismatisierungsprozessen im Bezugsrahmen von Künstlern, Kunstliteraten und Auftraggebern vorgenommen werden. Einen Schwerpunkt bilden Werke der Frühen Neuzeit, in denen der Künstler sich selbst als der jugendliche Held David inszeniert.

In den kunstliterarischen Texten wird unter ‚grazia‘ (ital. Anmut, Schönheit oder Liebreiz) eine Regelhaftigkeit und Anmut als Gnadengabe verstanden, die zur Tugend/Erkenntnis führt; es ist nach der Auffassung der Zeit keine erlernbare Eigenschaft. Grazia, verstanden als Schönheit der Seele, kennzeichnet nach Vasari den herausragenden Künstler ebenso wie seine Werke (Feser, 2010). ‚Terribilità‘ hingegen bezeichnet in der Kunstliteratur seit Vasari eine Regellosigkeit und Energie als Gnadengabe, durch die es gelingt, in überwältigender Weise auf den Betrachter zu wirken und sogar Sprachlosigkeit zu erzeugen. Beide, gleichwohl höchst unterschiedliche Eigenschaften bilden Ausgangspunkte für die besondere Ausstrahlung, das Charisma, das dem Künstler seit dem 16. Jh. und beginnend mit den Viten Vasaris zugeschrieben wird: Gemäß der Vorstellung von Charisma als einer von Gott verliehenen Gnadengabe (1. Korinth. 12,7), die sich im Begriff der grazia (ital. Gnade) direkt spiegelt, erfolgen diese Zuschreibungen an ausgewählte Künstler in deutlich heroisierender Funktion.

Den beiden Begriffen ‚grazia‘ und ‚terribilità‘, mit denen Werke der vortrefflichsten Künstler beschrieben werden, entsprechen in der Aussage zahlreiche Künstler-(Selbst-)Porträts seit dem 16. Jh., in denen sich der Maler in der Rolle des David als Held präsentiert – sowohl anmutig, als auch gewaltbereit. Deutlich zeigt sich in diesen künstlerischen (Selbst-)Darstellungen ein Reflex auf die kunstliterarischen Heroisierungen des Künstlers mit ihren Zuschreibungen von grazia und terribilità. In der Figur des David, so die These des Teilprojekts, verdichtet sich nicht nur ein für den Künstler über Jahrhunderte hinweg wirksames Heldenmodell. In den Darstellungen des siegreichen Davids werden darüber hinaus, so eine weitere These, grundlegende Fragestellungen für das Kunstschaffen und die Position des Künstlers in der frühen Neuzeit verhandelt.
Eine Analyse von Künstlerviten und -anekdoten sowie von Künstler-(Selbst-)Bildnissen der frühen Neuzeit v.a. in Italien, aber auch in den nordalpinen Ländern, vermag nicht nur, das von grazia und/oder terribilità getragene Charisma des Künstlers näher zu definieren, sondern auch die Prozesse nachzuzeichnen, mit denen solche Charismatisierungen im Bezugsrahmen von Künstlern, Kunstliteraten und Auftraggebern auf der Basis von Texten und Bildern erfolgte. Die innerhalb des Teilprojektes angegliederte Dissertation schließt mit einer Untersuchung der narratologischen Konstrukte innerhalb von Vitentexten eng an diese Fragestellungen an, indem vor allem die literarischen Strategien von Heroisierungen von Künstlern in den Blick genommen werden.

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