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Teilprojekt C2

Konkurrierende Modelle des Heroischen in England und Frankreich ca. 1580–1630 im Vergleich: Herrscher, Krieger, Märtyrer, Glaubenskämpfer


Teilprojektleitung: Prof. Dr. Ronald G. Asch; Mitarbeiter:Andreas Schlüter
 
Projektdauer: 2012-2016Bericht als PDF


Der Ausgangsbefund für das Teilprojekt war das Fehlen übergreifender Darstellungen heroischer Lebensentwürfe als Teil der adligen Standeskultur für England wie für Frankreich in der Umbruchphase vom späten 16. bis zum mittleren 17. Jahrhundert. Das gilt besonders für komparativ angelegte Studien. Das Teilprojekt sollte diese Lücke füllen, indem es die in dieser Epoche prägenden heroischen Leitbilder des Adels und die sich wandelnden Formen monarchischer Selbstdarstellung analysiert und deren Transformation unter dem Einfluss konfessioneller Normen, aber auch im Kontext der Bemühungen des monarchischen Staates, eine stärkere politische und soziale Pazifizierung zu erreichen, nachzeichnet. Im Kern geht es um die Veränderung der politischen Kultur einer Elite. Die Austauschprozesse zwischen beiden Ländern und die nicht von den Akteuren intendierten Ergebnisse waren dabei von besonderem Interesse.

Der gewählte Untersuchungszeitraum hat sich als fruchtbares Feld für die Forschung zum Heroischen erwiesen; das Sprechen über heroische Lebensentwürfe und Leitbilder verstärkte sich seit den 1580er Jahren deutlich. Statt dem Narrativ einer schleichenden Relativierung heroischer Rollenmuster für den Adel zu entsprechen, zeichnet sich die Epoche bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts dadurch aus, dass der Krieg als Wirkungsfeld des Adels mit Macht in den Mittelpunkt gerückt wurde, bevor sich in der zweiten Jahrhunderthälfte, insbesondere in England, eine stärkere Kritik am rein militärischen Heldentum äußerte. Diese Re-Militarisierung ging einher mit einer Aufwertung anderer Bereiche der heroischen Selbstinszenierung vornehmlich im Schwertadel, etwa in der Sphäre des Religiösen, aber auch in signifikanten Einzelfällen der späthumanistischen Gelehrsamkeit. Damit sind drei heroische Idealtypen, welche die Grundlage der Analyse bilden, angesprochen: der Krieger, der Märtyrer und der Denker. Dem entsprechen drei Sprachen des Heroischen, die sich prominent in den Quellen – nach Genres differenziert – finden: diejenige des Ritterlichen, des Konfessionellen und des Philosophischen, häufig im Modus des Agonal-Kämpferischen.

In der heroisierenden Ästhetik und Rhetorik verwischen sich oft die Grenzen zwischen den unterschiedlichen Modellen, beispielhaft wird das deutlich an der Darstellung von körperlichen Leiden, aber auch von Affekten und Emotionen, etwa der Melancholie, die gewissermaßen zur typischen Krankheit des Ausnahmemenschen stilisiert wurde. Zum Teil wurden auch Verhaltensformen in die heroischen Modelle integriert, die in anderen Kontexten eher weiblich konnotiert waren (etwa eine eher kontemplative, duldende Lebenshaltung). Auch die mit heroischen Leitbildern verbundenen Ehrvorstellungen unterlagen einem Wandel, der von Inklusion hin zu stärkeren Abgrenzungen gegenüber anderen ständischen Gruppen führte. Diese Entwicklung, die sich mit markanten kulturellen Transferprozessen verband (überwiegend allerdings von Frankreich nach England), konnte durch das close reading von einschlägigen Text- und Bildquellen erschlossen werden. Die innovative Kraft der von Andreas Schlüter erstellten Studie liegt unter anderem in der Darstellung übergreifender Entwicklungen in den beiden Ländern bei steter Rückbindung an die zentralen Fragen des Gesamtprojekts. Zugleich kann diese exemplarische Zeit einer heroischen Konjunktur mit ausgeprägter Herausbildung konkurrierender Typen des Helden das Verständnis des Heroischen auch über diese Epoche hinaus vertiefen.

Während sich das Dissertationsprojekt von Andreas Schlüter ganz auf die Zeit von ca. 1580 bis 1640 konzentrierte, greift die kurze Monographie des Teilprojektleiters Der Herbst des Helden darüber hinaus und schließt das späte 17. und frühe 18. Jahrhundert mit ein. Die Ausdehnung der Untersuchungsepoche erwies sich im Fortgang des Teilprojekts als sinnvoll, ja als zwingend und legt zugleich die Fundamente für das von Ronald Asch geleitete Teilprojekt der zweiten Antragsphase. Gerade die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts wird oft als eine Zeit der Krise des aristokratischen Helden gesehen. Allerdings blieb auch die ludovizianische Monarchie weiter auf Adlige angewiesen, die sich plausibel heroisieren ließen, selbst wenn deren Heroismus stark transgressive Elemente zeigte, schon um adlige Offiziere im Krieg zu motivieren. Von einer allgemeinen Domestizierung des Adels, einem Verschwinden des adligen Helden konnte also selbst im Frankreich Ludwigs XIV. nicht die Rede sein.

In England standen sich hingegen stärker als in Frankreich in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts konkurrierende Leitbilder des Heroischen gegenüber: dazu gehörten die restoration rakes mit ihrer heroischen Rebellion gegen alle Konventionen ebenso wie die Märtyrer des Kampfes für Freiheit und religiöse Toleranz, die in den 1680er Jahren den Tod fanden und zu denen beispielsweise Algernon Sidney (hinger. 1683) gehörte. Im 18. Jahrhundert sind Tendenzen zur Verbürgerlichung des Helden und zu seiner Indienstnahme für den Patriotismus und für das Nationalbewusstsein sowohl in Frankreich als auch in England unverkennbar. In diesem Sinne kann man dann mit gutem Grund von einem ‚Herbst des Helden‘ sprechen, wenn man darunter Figuren wie den Grand Condé (gest. 1686), den Sieger von Rocroi, versteht, dessen Handlungshorizont noch ganz durch Adelsstolz und aristokratisches Streben nach Ruhm und Ehre bestimmt worden war. Ein Condé war sich letztlich selbst genug und fühlte sich an kaum eine Regel ohne Vorbehalte gebunden; so vermochte er für Spanien genauso zu kämpfen, wie für sein eigenes Land. Der Zug zum Transgressiven blieb zwar für die Figur des Helden auch nach der Mitte des 18. Jahrhunderts charakteristisch – trotz aller Versuche der Aufklärung, den Helden zu domestizieren –, aber sehr viel stärker wurde von ihm nun verlangt, Symbolfigur für eine Sache oder eine Bewegung zu sein. Nur dann konnte man ihm den Regelbruch und die Maßlosigkeit seiner Taten nachsehen, die jetzt, da sie nicht mehr Ausdruck des Privilegs des Aristokraten oder professionellen Kriegers waren, freilich auch potenziell zum Maßstab für das Verhalten aller Menschen werden konnten und damit eine zutiefst destabilisierende Kraft entfalteten, die ihnen in älteren Epochen gefehlt hatte.

 

Publikationen des Teilprojekts

  • Asch, R. G. 2016: Herbst des Helden: Modelle des Heroischen und heroische Lebensentwürfe in England und Frankreich von den Religionskriegen bis zum Zeitalter der Aufklärung. Ein Essay (Helden – Heroisierungen – Heroismen 3), Würzburg.
  • Asch, R. G. 2014: Heros, Friedensstifter oder Märtyrer? Optionen und Grenzen heroischen Herrschertums in England, ca. 1603–1660, in: M. Wrede (Hrsg.), Die Inszenierung der heroischen Monarchie. Frühneuzeitliches Königtum zwischen ritterlichem Erbe und militärischer Herausforderung, Historische Zeitschrift, Beihefte (Neue Folge) 62, München, S. 198–215.
  • Asch, R. G. 2013: Märtyrer, Mörder und Monarchen. Das Königtum zwischen Heroismus und Heroismus-Defizit. Ein Vergleich zwischen England und Frankreich (1589–1628), in: A. Aurnhammer / M. Pfister (Hrsg.), Heroen und Heroisierungen in der Renaissance (Wolfenbütteler Abhandlungen zur Renaissanceforschung 28), Wiesbaden, S. 283–302.
  • Schlüter, A. 2017: Leidenshelden im Transzendenzdruck. Skizze einer aristokratischen Heldenfiguration in England und Frankreich (ca. 1586–1646), in: F. Heinzer / J. Leonhard / R. von den Hoff (Hrsg.), Sakralität und Heldentum. Zum Relationsgeflecht von Heroischem und Religiösem (Helden – Heroisierungen – Heroismen 6), Würzburg, S. 143–166.
  • Schlüter, A. 2015: Blowing the Coals of Ambition. Hubert Languet, Giordano Bruno and Antonio Pérez as Marginal Hero-Makers in the Sidney-Essex Circle, in: R. G. Asch / M. Butter (Hrsg.), Bewunderer, Verehrer, Zuschauer. Die Helden und ihr Publikum (Helden – Heroisierungen – Heroismen 2), Würzburg, S. 45–74.
  • Schlüter, A. 2014: Humouring the Hero: The Uses of Melancholy among Military Nobles in Late Elizabethan England, in: helden. heroes. héros. E-Journal zu Kulturen des Heroischen, Special Issue 1: Languages and Functions of the Heroic, S. 36–46, DOI: 10.6094/helden.heroes.heros./2014/QM/04.

 

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