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Teilprojekt C1


Zwischen Fürstendienst und ritterlicher Selbstbehauptung. 
Heroismus als adlige Gruppenkultur im deutschen und französischen Spätmittelalter
 

Gero Schreier

Historisches Seminar

Das Teilprojekt fragt vergleichend nach den Funktionen des Heroischen für die Identität adliger Gruppen im deutschen, französischen und franko-burgundischen Spätmittelalter (spätes 14. bis zur ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts). Dieser Zeitraum ist von vielgestaltigen Wandlungsvorgängen in fürstlicher Politik, Diplomatie und Kriegswesen sowie von Umschichtungsprozessen in den Wirtschafts- und Einkommensverhältnissen des Adels gekennzeichnet. Dies waren gerade für die unteren Ränge der Adelsgesellschaft multiple Herausforderungen, mit denen nicht nur jede einzelne Familie, sondern auch der Adel insgesamt konfrontiert war. In der Auseinandersetzung mit konkurrierenden sozialen Gruppen spielte für die Adelsgesellschaft die ritterlich-höfische Tradition weiterhin eine zentrale Rolle. Deren inhärente Normen und Werte wurden in der Personalfiguration des ritterlichen Helden zum Leitbild adliger Existenz verdichtet. Dieses sollte nicht nur den sozialen Vorrang des Adels gesamtgesellschaftlich legitimieren und verteidigen, sondern brachte auch sein Selbstverständnis symbolisch zur Anschauung.

Die Aneignung dieses Leitbildes hatte sich im Spannungsfeld von individueller Bewährung und pragmatischem Fürstendienst zu entfalten. Das Teilprojekt möchte diese Spannung und die Möglichkeiten ihrer Austragung einerseits unter dem Aspekt der performativen ‚Aufführung‘ von Heroismen betrachten, d.h. hinsichtlich einer allgemein sichtbaren Demonstration des Geltungsanspruchs des heroischen Habitualprofils. Andererseits sollen die Reflexe dieses performativen Aspekts in Historiographie und Biographik, in Selbstzeugnissen und der Familienüberlieferung des Adels verfolgt werden. Parallel dazu soll ausgehend vom Beispiel des burgundischen Herzogshofes danach gefragt werden, durch welche Diskurse und Inszenierungen Fürsten versuchten, ihre eigene Person dominant in ritterliche Heldendiskurse einzuschreiben und in den Mittelpunkt der integrativen, zentripetalen Dynamik politischer und sozialer Prozesse am Hof zu stellen. Der Fokus der Untersuchung liegt auf den agonalen Elementen tradierter ritterlich-höfischer Lebensformen, auf Krieg und Turnier. Durchweg soll dabei die Frage im Zentrum stehen, wie sich in diesen Diskursen und Praktiken eine ganze Gruppe selbst inszenierte, wie durch Verständigung auf gemeinsame heroische Vorbilder und Taten eine Gemeinschaftstradition gestiftet wurde. Damit stehen Heroismen in ihrer sozial- und personalfigurativen Ausprägung und Konkurrenz im Zentrum der Untersuchung.

Die Analyse, die von einer Diskursgeschichte ritterlichen Heldentums ausgeht, zielt einerseits auf die Herausarbeitung einer sich historisch manifestierenden adlig-ritterlichen Kultur, als deren integraler Bestandteil andererseits ihre Medialität, die Modi ihrer Inszenierung in Texten und Praktiken, stets mitreflektiert werden soll.

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"Das Heroische. — Das Heroische besteht darin, dass man Großes tut (oder etwas in großer Weise nicht tut), ohne sich im Wettkampfe mit anderen, vor anderen zu fühlen. Der Heros trägt die Einöde und den heiligen unbetretbaren Grenzbezirk immer mit sich, wohin er auch gehe."
Friedrich Nietzsche (Menschliches, Allzumenschliches II, Aphorismus 337)