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Teilprojekt A3


Hagiographik als Heroisierung.
Transformationen und Synkretismen im französischen, englischen und deutschen Frühmittelalter
 

Dr. Lenka Jirousková

Historisches Seminar
Seminar für Mittellateinische Philologie

bis Januar 2013:

Stephan Bruhn

Historisches Seminar, Universität Kiel

Das Teilprojekt untersucht Verschränkungen der Semantik und Darstellungsformen von Heiligen und Helden anhand hagiographischer Texte des Frühmittelalters. Im Unterschied zu bisherigen Forschungsansätzen geht das von den Fächern Mittellatein und Mittelalterliche Geschichte getragene Vorhaben nicht von einem Gegensatz von paganer und christlicher oder auch laikaler und klerikaler Sphäre aus, also nicht von einem Dualismus einer volkssprachig-oralen Adelskultur und lateinisch-schriftlichen Klerikerkultur mit ihren jeweiligen Leitbildern, dem Helden und dem Heiligen. Im Frühmittelalter und insbesondere im 10. und 11. Jahrhundert war – so die Ausgangsthese – kein Ausgleich dieser von der aktuellen Forschung als gegensätzlich verstandenen Kulturen notwendig, sondern die beiden Konzepte ,Held‘ und ‚Heiliger‘ waren untrennbar miteinander verwoben. Akzentuierungen in eine der beiden Richtungen blieben zwar möglich, jedoch wurden sie von klerikalen Verfassern innerhalb der lateinischen Schriftkultur vorgenommen, die sich dabei an den Regeln der zeitgenössischen hagiographischen Diskursformationen orientierten. Durch ihre narrativen und performativen Strategien bei der Nutzung der Modelle ,Held‘ und ,Heiliger‘ verfolgten sie spezifische Intentionen, wobei sie sich darauf konzentrierten, besondere Wirkungen zu erzielen und die Anziehungskraft des Heiligenkults zu stärken, nicht aber darauf, vermeintliche Defizite auszugleichen, zwischen zwei getrennt gedachten Kulturen zu vermitteln oder sich einer bestimmten laikalen Rezipientengruppe anzudienen. Damit kommt in diesem Teilprojekt der Analyse der Medialisierung, des Re-Writing, der poetologischen Techniken und Strategien sowie der narrativen, visuellen und performativen Konstruktionen eine zentrale Position zu. Auf diese Weise sollen die Spielformen und Modi der Zuschreibungen und der Um-Schreibungen von Heiligkeit und Heldentum zwischen 800 und 1150 herausgearbeitet werden. Außerdem werden die Transfers der Konzepte und die produktive Aneignung der weitergegebenen Modelle in neuen Kontexten insbesondere in der Transformationsphase des 10. und 11. Jahrhunderts in Zentraleuropa untersucht, denn erst durch die Analyse der Austauschprozesse lässt sich die Genese der Konzepte angemessen erklären. Dies hatte eine nachhaltige Wirkung auf die europäische Kultur, denn zumindest bis zur Säkularisierung war keine heldische Konstruktion ohne Rückgriff auf diese Modelle denkbar. Die beiden Arbeitsvorhaben befassen sich mit Textkorpora, die für die geplante Untersuchung besonders aufschlussreich sind:Im historischen Arbeitsvorhaben sollen Heroisierungen in der lateinischen Biographik und Hagiographik betrachtet werden, also Viten, Translationsberichte, Mirakelerzählungen und Biographien. Die Untersuchung soll in einem komparatistischen und beziehungs-geschichtlichen Analyserahmen eingebettet werden, indem die hagiographische Produktion Frankreichs, Englands und des ostfränkisch-deutschen Reichs miteinander in Beziehung gesetzt wird.

Das mittellateinische Arbeitsvorhaben befasst sich im Dialog mit dem historischen Vorhaben mit Heroisierungen in dichterischen Umformungen des hagiographischen Materials für die liturgische Heiligenverehrung (Tropus, Sequenz, Hymnus, Offiziendichtung). Als Untersuchungsbereich für diese liturgischen Funktionalisierungsphänomene wird neben den im historischen Arbeitsbereich untersuchten Räumen zudem der südwestdeutsche Raum im Mittelpunkt stehen.

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"Das Heroische. — Das Heroische besteht darin, dass man Großes tut (oder etwas in großer Weise nicht tut), ohne sich im Wettkampfe mit anderen, vor anderen zu fühlen. Der Heros trägt die Einöde und den heiligen unbetretbaren Grenzbezirk immer mit sich, wohin er auch gehe."
Friedrich Nietzsche (Menschliches, Allzumenschliches II, Aphorismus 337)