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Andreas Schlüter


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Krieger in der Krise.
Wandel des Heroischen bei adligen Militärs in England und Frankreich (1580–1630)

Als Westeuropas Gesellschaften um 1600 von tiefgreifenden Umbrüchen umgepflügt wurden, setzte der Held zum Höhenflug an: In England und Frankreich, den beiden Gesellschaften, die in ihren ähnlichen Strukturen und ihren vielfältigen Verflechtungen und Transferprozessen dem Projekt seinen Ort geben, wurde der Begriff „Held“ in den letzten Jahrzehnten des 16. und den ersten des 17. Jahrhunderts immer häufiger verwendet. In dieser Vorsattelzeit der Moderne, in der die Verdichtung von Herrschaft einherging mit konfessionellen Kämpfen, veränderte sich der Gebrauch des Heldenbegriffs nicht nur quantitativ. Auch die Inhalte des Heroischen verschoben sich womöglich mit dem Durchgriff der sich konsolidierenden Obrigkeiten auf die historischen Akteure, die sich immer stärkerem Homogenisierungsdruck ausgesetzt sahen und eine Politisierung individueller Glaubensdispositionen zu kollektiv verbindlichen Ideologien erlebten. In diesem Kontext untersuche ich qualitative Veränderungen der Figuren, die Helden genannt oder in anderer (etwa performativer) Form als Helden konstruiert wurden und die als außeralltägliche Gestalten zwischen den komplementären Bedürfnissen der sie konstruierenden und rezipierenden Gruppen angelegt waren – dem Bedürfnis nach Identifikation mit dem Vorbild und dem Bedürfnis nach Transformation durch den Störenfried. Es geht mir darum, die mögliche Akzentverschiebung vom Krieger zum Märtyrer, vom traditionellen gewaltsam-aggressiven, in Kriegen, Schlachten und Turnieren ausgebildeten, einer ritterlich-martialischen Lebensform verpflichteten Ideal des sichtbaren Tatheldentums hin zu einem konfessionell aufgeladenen stoisch-passiven Märtyrerideal, das die verinnerlichte Tugendhaftigkeit des Ertragens bis hin zur spirituellen Askese ins Zentrum rückte, nachzuzeichnen, in das historische Umfeld einzuschreiben und im Rahmen der krisenhaften Entwicklung der Zeit zu erklären. Diese Veränderungen untersuche ich in verschiedenen Medien der Selbst- und Fremd-Darstellung hochadliger Militärs im Umfeld der jeweiligen Krone; gerade bei ihnen lässt sich eine Veränderung in der Konstruktion des (nicht mehr fast ausschließlich militärischen) Helden zeigen. Dabei schließt das zu untersuchende Korpus traditionelle Medien und Genres der Heroisierung wie Leichenpredigten, panegyrische Gedichte und Schlachtenberichte, aber auch Selbstzeugnisse wie Memoiren und Briefe ein. Diese Medien werden ergänzt durch materielle Zeugnisse wie Gemälde und Grabmale. In enger Verbindung mit Methoden und Vorarbeiten aus der Literaturwissenschaft und anderen Kulturwissenschaften werden diese Quellen auf ihren heroischen Gehalt hin befragt, wobei Narrationen und Imaginationen besonders wichtig sind, und aus der Perspektive einer Kulturgeschichte des Politischen betrachtet, also immer auch die Frage nach den Motivationen, Deutungen und Interessen der Akteure in ihren jeweiligen Macht- und Herrschaftsstrukturen mitgedacht. Möglicherweise lassen sich dadurch die krisenhaften Entwicklungen der Zeit im Brennglas des Heroischen besser begreifen. Und gerade der Vergleich zwischen den personell verbundenen und ideell sich austauschenden kriegerischen Eliten beider Monarchien kann erste Erkenntnisse liefern, inwiefern sich diese Entwicklungen verallgemeinern lassen und welche Charakteristika als räumlich begrenzte Eigenheiten zu begreifen sind. Möglicherweise hat sich dabei eine kulturspezifische oder sogar kulturübergreifende politische Sprache des Heroischen jenseits des Schlachtfeldes ausgebildet, deren Nutzer, Funktionen und Gebrauch in dieser Zeit des Umbruchs zu bestimmen sind.

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