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Teilprojekt B1

‚Imitatio Alexandri‘: Heroismen im Porträt, Herrscher- und Heldenbild der griechisch-römischen Antike

Teilprojektleitung: Prof. Dr. Ralf von den Hoff; Mitarbeiter: Dr. Jens-Arne Dickmann; Dr. Martin Kovacs, Martin Dorka Moreno (geb. Schwemmer)
 
Projektdauer: 2012-2016Bericht als PDF


Ziel des Teilprojekts war die Analyse und historische Erklärung der Transformations- und Aneignungsprozesse des in Bildnissen für Alexander d. Gr. (356–323 v. Chr.) im späten 4. Jh. v. Chr. geschaffenen heroischen Herrschermodells (Alexander-Code) und visueller Alexander-Heroismen zwischen dem frühen Hellenismus und der späten römischen Kaiserzeit. Das vorgesehene Forschungsprogramm konnte umgesetzt werden. Die Dissertation von M. Dorka Moreno „Studien zu den Ähnlichkeitsrelationen zwischen Götter- und Heroenbildern und Bildnissen Alexanders des Großen im Hellenismus und der römischen Kaiserzeit“ wurde im Frühjahr 2016 abgeschlossen. Der Autor hat zudem einen Aufsatz zum Verhältnis zwischen Herakles- und Alexanderbildern erarbeitet (Schwemmer, im Druck). M. Kovacs hat eine Monographie zu Alexanderbildnissen und Alexanderangleichungen im Hellenismus und der römischen Kaiserzeit weitgehend beendet und Teilergebnisse zu römischen Imitationen Alexanders in einem Aufsatz vorgelegt (Kovacs 2015). Dies wurde ergänzt im Band zur SFB-Tagung „Imitatio heroica. Heldenangleichung im Bildnis“ um grundsätzliche Beobachtungen zur imitatio heroica (von den Hoff 2015a), zudem um Aufsätze zu hellenistischen Alexanderbildnissen (von den Hoff 2013a; von den Hoff 2014). Themarelevante Rezensionen wurden vorgelegt (Schwemmer 2013; Schwemmer 2014; Kovacs 2016). Die Studien konnten durch den Erwerb relevanter Gipsabgüsse antiker Alexanderporträts für die Archäologische Sammlung der Universität Freiburg unterstützt werden (J.-A. Dickmann).

(1) Alexanderbildnisse und imitatio Alexandri im antiken Porträt

Zur typologischen und ikonographischen Analyse des relevanten Materials hat Martin Kovacs erstmalig ein Korpus von etwa 85 Bildnisköpfen erstellt, das die Grundlage für die Untersuchung der Geschichte der Alexanderikonographie vom 4. Jh. v. Chr. bis in das 5. Jh. n. Chr. bildet. Ausgangspunkte sind die lebenszeitlichen Alexanderbildnisse (bis 323 v. Chr.), die uns in römischen Kopien überliefert sind. Die lebenszeitlichen Bildnisse Alexanders weisen beträchtliche Unterschiede auf, die mit unterschiedlichen Erwartungen an den jungen Herrscher zu verbinden, aber keinesfalls durchweg – wie vielfach behauptet – an Heroenbildern orientiert sind (Alexander als Ephebe mit individualisierender Frisur; Löwenhaftigkeit mit stärkerem heroischem Bezug; divine Konnotation). Im fortschreitenden Hellenismus wird, bedingt durch die Besonderheiten der ptolemäischen Herrschaftskonzeption, in Ägypten die Jugendlichkeit Alexanders dort immer deutlicher betont (Bezug zu Horus), während in anderen Teilreichen, hellenistischen Herrscheridealen gemäß, eher energische Dynamik hervorhebende Bilder überwiegen. Vier hochhellenistische Bildnistypen Alexanders ließen sich erstmals isolieren, zudem mehrere bisher unbekannte Alexanderstatuen des 3. und 2. Jhs. v. Chr., die in römischen Kopien überliefert sind.

Die Alexanderikonographie wird nur selten im Sinne einer imitatio Alexandri in jeweils aktuellen Herrscherbildnissen des 3.–1. Jhs. v. Chr. herangezogen. Die Rolle Alexanders ist offenbar im weitesten Sinne ‚besetzt‘ und infolgedessen als unerreichbar definiert. Ein Anschluss an die Figur des Herakles wird aber früh gesucht. Erst im späteren Hellenismus kristallisieren sich imitationes Alexandri heraus, die im 1. Jh. v. Chr. eine neue Dimension durch Mithridates VI. erfahren. Er beschwört als ‚neuer‘ Alexander im Bildnis legitimierend den gesamtgriechischen Kampf gegen die fremde Macht Rom. Auch andere Herrscher greifen zu seiner Zeit expliziter in Form von Heroismen auf den Alexander-Code im Bildnis zurück. Der politische Konflikt war hier offenbar von Bedeutung. In römischer Zeit dann (Kovacs 2015) werden Teile des Alexander-Codes in vokabularischer Kürze pointiert eingesetzt, um militärische und politische Tugenden zu suggerieren und Erwartungen zu wecken. Die ‚Vokabeln‘ lassen sich nun auch in Form von Statuentypen feststellen, die im Original Alexander darstellten, nun aber für die Repräsentation römischer Politiker und Kaiser genutzt wurden. Unter Kaiser Gallien erfolgt die Adaption der Alexanderikonographie in besonderer Intensität, um die außerordentliche Leistungsfähigkeit des Kaisers in der ‚Reichskrise‘ zu inszenieren (Kovacs 2015).

Daneben bleibt in den weiterhin produzierten Kopien das ‚echte‘ Alexanderbild bis in die Spätantike omnipräsent. Es fällt auf, dass dabei die hellenistischen Entwürfe dominieren und das in der Kaiserzeit literarisch und legendarisch transformierte Alexanderbild visuell zu kontrastieren scheinen. Strukturell offenbart die Figur Alexanders eine mythologisierte, dezidiert heroisierte Qualität und entzieht sich zunehmend den Kategorien historiographischer Beschreibung (wie auch im sog. Alexanderroman usw.). Auf diese Weise wird der Alexander-Code zu einem heroischen Code. Statt eines klaren inhaltlichen Alexanderbezugs treten allerdings allgemeinere heroische, ggf. auch kulturell-ethnische Aspekte in den Vordergrund. Aus einem zunächst nur bedingt heroisch imprägnierten Herrscherbildnis wird das Bild eines distanzierten, außeralltäglichen Herrschers. Sodann etabliert sich ein heroischer Code mit heroisch aufgeladenen Vokabeln (und Jugendlichkeit als dominantem Zug), aus dem schließlich allgemeinere ‚Mode‘-Formeln entstehen, so dass sich das Heroische visuell verselbständigt und seine alexanderbezogene Semantik einbüßt.

(2) Alexanderimitation im Heroen- und Götterbild

Zum Thema der Dissertation von Martin Dorka Moreno (geb. Schwemmer) hat eine neue Monographie1 viel Material zusammengetragen, stellt aber mehr Ähnlichkeiten fest, als dass sie deren Bedeutung erforscht (s. dazu Schwemmer 2013). Viele Götter- und Heroenbilder, die nur eine oberflächliche oder gar keine spezifische Ähnlichkeit mit den Bildnissen Alexanders aufweisen, haben so unbegründet Eingang in die Diskussionen gefunden. Die Dissertation hat das Phänomen zunächst grundsätzlich dekonstruiert. Anders als erwartet lassen sich nur in sehr wenigen Fällen differenzierte Aussagen zu den Mechanismen, Formen, Ursachen und der Ausprägung sowie insbesondere der Bedeutung dieser Bild-Bild-Beziehungen zwischen Alexander-, Götter- und Heroenbildern machen. Diese wenigen Fälle wurden zum zentralen Bestandteil der Dissertation. Die zur Analyse entwickelte Methodik, die einen erstmals systematischen Zugriff auf das Problem darstellt, setzt sich aus der Anwendung des in der poststrukturalistischen Linguistik entwickelten Intertextualitätskonzepts auf Bilder (Interpiktorialität) sowie einer Kultursemiotik zusammen, die einzelne Bildformeln als Zeichen auffasst und im Rahmen eines diskursanalytischen Zugangs untersucht. Damit verknüpft ist die grundsätzliche Frage, wie Bilder über Bild-Bild-Beziehungen Bedeutungen überhaupt vermitteln. Dies ist für jede imitatio heroica grundsätzlich zentral.

Die Figuren, die systematisch behandelt wurden, sind Achill und Herakles sowie die Dioskuren und Helios. Im Falle von Helios ist festzuhalten, dass hier von Anfang an (kurz nach Alexanders Tod) ein sehr hohes Maß an Übereinstimmung bis hin zur Überblendung der visuellen Modelle vorlag.2 Für die Dioskuren, für die in der griechischen Kunst relativ heterogene Ikonographien entworfen wurden, lässt sich erst in römischer Zeit ein einheitliches, dann allerdings sehr stark an der Alexanderikonographie orientiertes visuelles Modell nachweisen. Nur auf thrakischen Münzen des 2. Jhs. v. Chr., finden sich vorher bereits formale Übereinstimmungen mit der Alexanderikonographie, da sie die Anastolé – Alexanders typisches Frisurzeichen – erstmals integrieren. Die starke Ausrichtung der römischen Dioskurenbilder am Alexanderbild ist wohl damit zu erklären, dass Alexanders Modell in dieser Zeit massiv mit den heroischen Qualitäten der Dioskuren – oder allgemeiner Art – in Verbindung gebracht oder dieses als äußerst passend empfunden wurde, um die Rom rettenden Schlachthelfer zu visualisieren.

Im Falle von Herakles konnte nachgewiesen werden, dass es sich um das erste Heroenbild handelt, das durch die Übernahme der Anastolé an Alexander angeglichen wurde. Dies geschieht in Einzelfällen bereits zu Lebzeiten Alexanders auf den von Alexander selbst herausgegeben Tetradrachmen, die Herakles mit Löwenskalp zeigen und systematisch im Hinblick auf diese Frage untersucht wurden. Mit der Angleichung ist am ehesten eine ‚Familienähnlichkeit‘ zwischen Heros und Herrscher gemeint. In vielen Münzprägestätten des Alexanderreichs ist eine Konventionalisierung des alexanderhaften Herakles zu beobachten, erstmals massiv in Babylon, dann beinahe überall. Nur in Einzelfällen, wie etwa in Ägypten, ist dies nicht der Fall. Dort ist das Fehlen der Bezüge umso bezeichnender, weil kurz nach Alexanders Tod dessen erstes Münzbildnis zeitgleich mit den schon zuvor geprägten Tetradrachmen mit Heraklesbild ausgegeben wird.

Die erstmalige Anreicherung eines Achillbildes mit formalen Eigenheiten der Alexanderikonographie geschah an der Wende vom 4. zum 3. Jh. v. Chr. auf Münzbildern aus Thessalien, der mythischen Heimat Achills, die sich in der Frisurgestaltung deutlich festmachen lässt. Aufgrund dieser Übereinstimmungen ist anzunehmen, dass der löwenhafte Charakter Achills und die damit in Verbindung stehende militärische Leistungsfähigkeit des griechischen Kriegers par excellence, der zuvor in dessen bildlicher Überlieferung keine Rolle gespielt hatte, erstmals visuell vermittelt werden konnte. Denkbar ist, dass auch hier Aussagen zu einer Heroen-‚Familienähnlichkeit‘ (Alexander führte sich mütterlicherseits auf Achill zurück) oder zum herrscherlichen Charakter Achills kommuniziert wurden.

Im weiteren Hellenismus und der römischen Kaiserzeit sind wenige vergleichbar präzise Hinweise auf eine imitatio Alexandri im Achillbild zu finden. Bereits in der Achill-Penthesilea-Gruppe des 2. Jhs. v. Chr. sind die Bezüge zur Alexanderikonographie sehr allgemein. In römischer Zeit sind Achillbilder insbesondere in der Wandmalerei und auf Sarkophagreliefs überliefert, wobei sich auch hier präzise Hinweise auf die Alexanderikonographie nicht ausmachen lassen. Das Achillbild entspricht hingegen jenem vergleichsweise heterogenen Achillbild der früheren griechischen Kunst insbesondere des 5. und 4. Jhs. v. Chr., das nur in ähnlich allgemeiner Weise mit dem ikonographischen Konzept der in der Mitte des 4. Jhs. v. Chr. entstandenen Alexanderbildnisse in Verbindung steht. Das Alexanderbild hat also das Bild Achills in der Antike kaum explizit beeinflusst (ebenso wenig wie Alexander in Bildern systematisch als Achill gezeigt wurde) und auch grundsätzlich allenfalls punktuell in der Heroen-und Götterikonographie gewirkt. Eine breite Übernahme alexanderhafter Züge, eine Alexandermode, wie in den Bildnissen (s.o.) lässt sich nicht erkennen.

1 Trofimova, A. 2012: Imitatio Alexandri in Hellenistic Art: Portraits of Alexander the Great and Mythological Im-ages, Rom.
2 Schörner, G. 2001: Helios und Alexander. Zum Einfluss der Herrscherikonographie auf das Götterbild, in: Archäologischer Anzeiger 1, S. 59–68

 

Publikationen des Teilprojekts:

  • Kovacs, M. 2015: „Imitatio Alexandri“ – Zu Aneignungs- und Angleichungsphänomenen im römischen Porträt, in: R. von den Hoff / F. Heinzer / H. W. Hubert / A. Schreurs-Morét (Hrsg.), Imitatio heroica. Heldenangleichung im Bildnis, (Helden – Heroisierungen – Heroismen 1), Würzburg, S. 47–84.
  • Schwemmer, M. [im Druck]: Herakles, nicht Alexander! Imitatio Alexandri oder 'Konvergenzerscheinungen' im Herrscher- und Heroenbild?, in: R. Storli (Hrsg.), Work in Progress, International Conference for Graduate Students and Young Scholars, Norwegian Institute at Athens, 31. Mai–2. Juni 2012, Athen.
  • von den Hoff, R. 2016: Ein Weinkelch für Herakles: Die Heroik des Trinkens und das Glück der Heroen(verehrer) im 6. und 5. Jahrhundert vor Christus, in: A. Aurnhammer / U. Bröckling (Hrsg.), Vom Weihegefäß zur Drohne. Kulturen des Heroischen und ihre Objekte (Helden – Heroisierungen – Heroismen 4), Würzburg, S. 21–40.
  • von den Hoff, R. [et al.] 2015a: „Imitatio heroica“ – Zur Reichweite eines kulturellen Phänomens in: Ders. / F. Heinzer / H. W. Hubert / A. Schreurs-Morét (Hrsg.), Imitatio heroica. Heldenangleichung im Bildnis (Helden – Heroisierungen – Heroismen 1), Würzburg, S. 9–33.
  • von den Hoff, R. 2015b: ‚Herologie‘ als Forschungsfeld; Umfassende breitenwirksame Studien; Antike, in: Ders. / R. G. Asch / A. Aurnhammer [et al.]: Das Heroische in der neueren kulturhistorischen Forschung: Ein kritischer Bericht, H-Soz-Kult, 28.07.2015, S. 2–5; S. 5–10; S. 20–28, www.hsozkult.de/literaturereview/id/forschungsberichte-2216.
  • von den Hoff, R. 2014: Neues im ‚Alexanderland‘: Ein frühhellenistisches Bildnis Alexanders des Großen, in: Göttinger Forum für Altertumswissenschaft 17, S. 209–245, https://gfa.gbv.de/dr,gfa,017,2014,a,09.pdf.
  • von den Hoff, R. 2013a: Alexanderbildnisse und „imitatio Alexandri“ in Baktrien, in: G. Lindström [et al.] (Hrsg.), Zwischen Ost und West. Neue Forschungen zum antiken Zentralasien (Archäologie in Iran und Turan 14), Mainz, S. 83–98.
  • von den Hoff, R. / Asch, R. G. / Aurnhammer, A. [et al.] 2013b: Helden – Heroisierungen – Heroismen, in: helden. heroes. héros. E-Journal zu Kulturen des Heroischen 1.1: Herausforderung Helden, S. 7–14, DOI: 10.6094/helden.heroes.heros./2013/01/03.

 

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