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Jérémy Winandy


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Hebelstraße 25 - Raum 00004
79104 Freiburg
Tel.: 0761 203 67599

 

 

Dissertationsprojekt:

Entwicklung und Verbreitung von Heroismus- und Heiligkeitskonzepten im Westfränkischen Reich anhand hagiographischer Texte des 10. und 11. Jahrhunderts

Bei der Betrachtung mittelalterlicher Heiliger kann es nicht darum gehen, die historische Person des Heiligen zu untersuchen, wie es die ältere Forschung zumeist getan hat. Vielmehr muss die Legende, die in den hagiographischen und historiographischen Texten zu fassen ist, das Zentrum der Untersuchung darstellen, so dass das Projekt von der Heroisierung der verehrten Person ausgeht. Unter Heroisierung werden die „poetologischen Techniken und Strategien der narrativen, visuellen und performativen Zuschreibung von heroischen Qualitäten“ (s. Antrag S. 28) verstanden. Damit rücken alle Figuren in den Mittelpunkt der Untersuchung, die innerhalb einer Gemeinschaft verehrt worden sind. Es geht in dem Projekt schließlich um die Grundlegung des Modells des christlichen Heiligen, welches für das Christentum entscheidend das Modell des Helden prägte. Ein späterer Held innerhalb der christlichen Gesellschaft muss sich immer auch im Verhältnis (so vor allem in Nachfolge oder im Gegensatz) zum christlichen Heiligen stellen.

Grundannahme ist, dass Religion immer eine eminent soziale Angelegenheit darstellt. Bei jeglichen kultischen Praktiken handelt es sich somit um Riten, die auf Kollektivvorstellungen beruhen und von Gemeinschaften dazu benötigt werden, die gemeinsamen Geisteszustände der Gruppe aufrecht zu erhalten. Damit ist es, so Durkheim, nicht die Funktion der Religion zum Denken anzuregen, sondern zum Handeln (vgl. Emile Durkheim: Die elementaren Formen des religiösen Lebens, Übers. von Ludwig Schmidts, Frankfurt am Main 2007, Verlag der Weltreligionen). Es muss also auch bei der Untersuchung von Heiligen in erster Linie um die soziale Funktion des Verehrten für die Verehrergemeinschaft gehen.

Dass die Funktion des Heiligen im Früh- und Hochmittelalter von eminenter Bedeutung ist, lässt sich nicht bestreiten und ist durch die Anzahl an hagiographischem Schriftgut, das für die angesprochene Zeit einen maßgeblichen Anteil der überlieferten Quellen einnimmt, eindrucksvoll belegt. Dass es sich bei einem Großteil der hagiographischen Überlieferung um Umschreibungen älterer Viten handelt, schmälert diese Erkenntnis nicht, sind es doch gerade diese Neuschreibungen, die unter dem Begriff der Réécriture seit ca. 20 Jahren in den Fokus der Forschung gerückt sind. Schließlich geht es weniger um die Untersuchung des Heiligen als Person, als vielmehr um die Legendenbildung im Umfeld der Heiligenverehrung. Das Teilprojekt geht dementsprechend auch von der Legende aus und nicht vom „historischen“ Heiligen. Denn nur so kann erklärt werden, wie es mythische Heilige geben kann, die es historisch, unserem Wissen nach, nie gegeben hat. Stattdessen ist davon auszugehen, dass der verehrte Heilige in einer emotionalen Beziehung zu den Gläubigen steht und für diese etwas bedeutet. Deshalb sind die Aspekte der Wunder, Reliquien und Legenden entscheidend für das Überleben eines Heiligen, und nicht dessen Biographie. Mit Frantisek Graus kann man also sagen, dass keine lebendigen, also gelebt habende Heilige verehrt worden sind, sondern immer nur der Heilige aus der Legende, also so, wie die Legende ihn darstellt (vgl. František Graus: Volk, Herrscher und Heiliger im Reich der Merowinger. Studien zur Hagiographie der Merowingerzeit, Prag 1965). Dies erklärt auch, wieso sich das Bild ein- und desselben Heiligen im Laufe der Jahrhunderte sehr stark verändern konnte. Letzteres war sogar für das Überleben des Heiligen von Nöten, um ihn den aktuellen Bedürfnissen anzupassen und weiterhin interessant zu halten.

Ziel des Projektes ist es, anhand der Überlieferung unterschiedlicher Viten vom 10. bis und 11. Jahrhundert die Entwicklung und Verbreitung von Heroismus- und Heiligkeitskonzepten im Westfränkischen Reich nachzuverfolgen. Exemplarisch sollen hierzu die Schriften Sigeberts von Gembloux, die Vita des Gerald von Aurillac, sowie die Vita von Robert dem Frommen genauer untersucht und mit anderen zeitgenössischen Lebensbeschreibungen verglichen werden.

 

 
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